Schorles wunderschöne Bilder vom, seiner und meiner Meinung nach stärksten Konzert dieser Saison (links zum weiterklicken): Links unten kommt der Nachbericht von Rigobert Dittmann
THE THING vs ZU Live am 24. Mai 2007

Wenn Boreas und Notos aufeinanderprallen
Etwas Besseres als den kultigen club W71 in Weikersheim als zweite Etappe ihres Vierländerspringens mit den Stationen Schorndorf ... Wels - Stirling - Moers – Bergen hätten sich diese beiden Trios nicht wünschen können. Dazu war noch Reinhard Kager mit dem NOWJazz-Aufnahmewagen des SWR2 angereist, um die Mikrophone auf die zu erwartenden orkanartigen Böen zu richten. Und die Würzburger Diaspora war ebenfalls im Fünferpack angerückt. Vom Hausbrand der Gastgeber und Gekicke auf dem direkt benachbarten Sportplatz selber schon vorgeheizt, brauchten Mats Gustafsson, Paal Nilssen-Love & Ingebrigt Håker Flaten keine drei Minuten, um den Club von einer bereits dampfende Sauna in eine Friteuse zu verwandeln und ihre schwarzen Ruby's Barbecue-T-Shirts noch etwas schwärzer zu färben. Harry Lachner spricht beim aktuellen SWR2-NOWJazz-Thema ‚Taktlos – vom Verschwinden des Beats’ von einer ‚Ästhetik des Zersplitterten’. Er muss dabei dieses norwegische Rhythm-Team im Ohr haben. Wenige zerhacken den Takt so fraktal und vehement wie Nilssen-Love, der mit seiner scheppernden, peitschenden Cut-Up-Ästhetik auch Atomic, dem Peter Brötzmann Chicago Tentet, den Sten Sandell und Scorch Trios oder Ken Vandermarks Territory Band seinen Stempel aufdrückt. Håker Flaten bekrabbelt dazu seinen Kontrabass mit Fingern, so flirrend und verwischt wie futuristisch gemalt, er lässt die Saiten knallen und klatschen, kämpft wie ein Berserker, um noch die letzten Funken aus diesem Funk zu schlagen. Denn The Thing ist der unbändige Nordwind. Gustafsson bekommt einen ganz dicken Hals, kniet sich mit aller Inbrunst dem Feuerdrachen auf die Brust, entflammt selbst, zerraspelt und zerplopt ein Reedblättchen nach dem andern, macht sich bei den hohen Tönen lang und dünn wie eine Rohrdommel, schürt die Glut wie ein Speedmetalgitarrist. So muss das sein.
Im fliegenden Wechsel dann Zu, sprich Jacopo Battaglia – Drums, Massimo Pupillo – E-Bass & Luca T Mai – Baritonsax. Gleiche Intensität, aber ganz anderes Spiel. Wenn The Thing Free Jazz hyperventiliert, dann mischen die Italiener Melvins, NoMeansNo und Lightning Bolt. Battaglia bolzt mit der Basstrommel und rifft die ‚Muro Torto‘-Marschbeats, stakkatohaft, brachial. Mai, ein schwarzbärtiger, bulliger Ahabtyp pusht und hält Saxdrones wie ein elastisches, erdbebensicheres Hochhausfundament. Aber der Gipfel, das sind Pupillos Basstraktate, so diskant, sprunghaft und rasend, so ‚Wolf Day‘-fuzzig und knurrig, dass selbst Hölle, Tod und Teufel sich ein Lächeln nicht verkneifen können. Ich muss zugeben, dass ich die Drei unterschätzt habe, Zu ist eine schwarze Maschine geworden, unaufhaltsam und mitreißend. Jetzt erst mal Pause zum Luftschnappen, mit klingelnden Ohren und nur langsam abklingendem seligen Grinsen.
Dann Doppelpack, Nordwind und Südwind, verabredet zur gemeinsamen Himmelfahrt, im wirbelnden, fauchenden Miteinander. Die beiden Drummer kicken in sagenhaftem Rapport immer wieder ricochettierende Synchronzuckungen los, splittern kontrapunktisch auseinander, die beiden Bassisten gehen als Einzelkämpfer durchs Feuer, die beiden Saxophonisten brusten und röhren bis die Trommelfelle an der Schädeldecke kleben. Stop & Go als Blitzgewitter, dann wieder Headbangerriffs, die man nur zustimmend abnicken kann, alles bei furiosem Gegenwind, und plötzlich sind wir mitten in ‚State of Shock’ von The Ex! ROCK’N’ROLL!!! Fast hilflos wirft man sich ungläubige Blicke zu. Ist das zu fassen!? Zwischen soviel gleisender Hymnik und Intensität auf Anschlag stimmt Gustafsson lyrische Töne an und transferiert einen Schockzustand in einen andern. Dann wieder Noise as Noise can, von Håker Flaten per Laptop, Gustafsson mit Effekten und Pupillo mit stechenden, bratzelnden Stromkabelstörungen gekitzelt. Und schon wieder piano, Nilssen-Love boingt seinen Gong, versetzt dem Becken sanfte Stüber, lässt Messingstaub rieseln und Gustafsson macht sich weich und leicht wie eine sanfte Brise, während der Schweiß von seiner Stirn längst nicht mehr tröpfelt, sondern rinnt. Irgendwann sind wir bei der dritten Zugabe, mit mehr als nur heißen Händen. Und das Sextett hat noch ein launiges Zackzackzackspiel in petto, die Drummer klacken im Wechsel Beatfolgen an, versuchen sich zu falschen Einsätzen zu provozieren, aber die Band interagiert wie telepathisch auf Draht. Und geht, wenn‘s am schönsten ist.
Soviel für Nichtpathetiker.
Für die andern noch ein Nachsatz: Unter NowJazz verstehe ich die Art von Jazz, die nicht schon oder noch Jazz IST, sondern der Prozess eines WERDENS, getrieben vom Willen, einmal am Herzen von Musik sich die Lippen zu verbrennen. Ein Herz, das vielleicht ein weißes Rauschen ist, oder ein schwarzes Feuer. The Thing und Zu sind Zarathustrier, sowohl im Sinne von ‚Feueranbeter‘ wie von Nietzsche‘anische Dionysiker. Wer sich fragt, wie es klingt, wenn ‚alle Lust Ewigkeit, tiefe, tiefe Ewigkeit will‘, der hätte im W71 eine mögliche Antwort zu hören bekommen.

Bad Alchemy
Rigobert Dittmann