Zeitzeugen Kurt und Steffi Wittenberg

Kurt und Steffi Wittenberg berichteten im club w 71 am letzten Samstag als Zeitzeugen aus ihrem Leben. Der Heimatforscher Hartwig Behr referierte über die Weikersheimer jüdische Familie Emrich, von der Herr Wittenberg abstammt.


Kurt Wittenberg sagt von sich selbst, dass er ein Faible für Namen hat. Er erzählt mit großer Achtung von seinen drei Lehrern, dem Oberstudienrat Buser, dem Zeichenlehrer Durandt und Herrn Döhring. Sie lehnten wegen ihrer liberalern, sozialdemokratischen oder nationalkonservativen Gesinnung die neue nationalsozialistische Ordnung ab. Döhring, Mitglied bei der Deutschen Volkspartei, hielt bei einer Schulveranstaltung eine Rede über den Beitrag der Juden zur deutschen Kultur. Er wurde daraufhin sofort suspendiert. Es gab auch die anderen und unter diesen am schlimmsten waren diejenigen, die nach 1933 aus Karrieregründen in die NSDAP eintraten. Plötzlich stand das Fach "Rassenkunde" auf dem Lehrplan. Keiner seiner Schulkameraden wollte sich mehr neben ihn, den 13-jährigen jüdischen Jungen, setzen. Er nennt auch den Namen seines kräftigen Freundes, Rudi Teschendorf, eines begeisterten Hitlerjungen, der ihm bei Schulhofkeilereien beisprang.

Durch die Innenstadt in Osterode, Kreis Allenstein in Ostpreußen war es, durch die sie seinen Vater mit einem Schild um den Hals trieben, unter dem hämischen Beifall der Nachbarn. Man hatte seit 10 Jahren, seit man von Weikersheim hierher gezogen war, friedlich und einträchtig nebeneinander gelebt. Als grenzenlose Bitterkeit beschreibt Herr Wittenberg die Gefühle seines Vaters. Wer weiß, fragte er für sich und seine Frau hypothetisch, was aus uns geworden wäre, wären wir nicht als jüdische Minderheit ausgegrenzt und verfolgt worden? Vielleicht wären wir dann auch in der HJ - Uniform mitmarschiert?

Am Nachmittag fand bereits eine Führung zu Spuren ehemaligen jüdischen Lebens in Weikersheim statt. Auch hier ging es viel um Namen. Zuletzt auf dem jüdischen Friedhof auf der Höhe bei Honsbronn. Herr Behr zeigte die Gräber der Königsbergers und Emrichs, der Vorfahren von Kurt Wittenberg.

Die Familie Wittenberg floh Ende November 1938 nach Montevideo in Uruguay. Hier arbeitete Kurt Wittenberg in seinem erlernten Beruf als Maurer und machte, wie er sagt seine zweite, seine politische Lehre. Er schloss sich, auch wegen seiner Erfahrungen, die er in Deutschland gemacht hatte der kommunistischen Jugend an. Unter der deutsch sprechenden Minderheit versuchten sie mit Kulturveranstaltungen und Flugblättern Einfluss zu gewinnen. Recht erfolglos, die vor der Nazizeit eingewanderten Deutschen waren unbekehrbare Sympathisanten von Hitler. Auch die Matrosen des Kriegsschiffes Graf Spee, es war im Hafen versenkt worden, waren immun gegen ihre antifaschistische Werbung. Ihre Organisation, der Freie Deutsche , Club zerstritt sich nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, was die Sache auch nicht leichter machte. Dennoch versuchte Kurt Wittenberg weiter seinen Beitrag im Kampf gegen den Hitlerfaschismus zu leisten. Zur Unterstützung der Alliierten wurde Geld zum Medikamentenkauf gesammelt.

Die Schwester von Kurt Wittenberg war nicht mit nach Uruguay gekommen. Sie war über eine Hilfsorganisation, die jüdische Schulkinder aus Deutschland evakuierte, schon zuvor in die USA gekommen. Die Mutter wollte nach über zehn Jahren der Trennung unbedingt ihre Tochter wiedersehen. So fuhr Kurt Wittenberg 1947 zusammen mit seinen Eltern nach Houston, Texas. wo sich die Familie wieder . vereinigte. Steffi, sie hatten sich in Montevideo kennen und lieben gelernt, folgte ein Jahr später. Wieder sind es die persönlichen Dinge, in den Schilderungen der Zeitzeugen, die am stärksten beeindrucken. Kurt Wittenberg arbeitete in einem Kühlhaus, das seinem Vetter gehörte.. Er hatte viel für die Wittenbergs getan. Es gab einen Arbeitskonflikt in dem sich Kurt Wittenberg nicht auf die Seite seiner Verwandten, sondern auf die Seite der Gewerkschaft stellte. Wegen diesem Streit denunzierte ihn sein Vetter bei der Immigrationsbehörde. Ihm und seiner Frau wurde vorgeworfen, Verbindungen zu einer Organisation zu haben, die "den gewaltsamen Sturz der US-Regierung lehrte und propagierte".. Der Fall erregte großes Interesse in den Zeitungen. Herr Wittenberg

hat sie gesammelt. Bezeichnend für die Stimmung in dieser sogenannten McCarthy-Ära der Hochzeit des kalten Krieges, war ein Vorfall, von dem die Beiden berichten. Eine Arbeitskollegin schlägt Steffi Wittenberg ins Gesicht und schreit sie an: "Unsere Jungs sterben in Korea und ihr fallt uns in den Rücken!" Kurt Wittenberg erzählt aber auch von der großen Solidarität die sie von ihren Freunden, hauptsächlich Schwarzen und Juden, erfuhren. Die Behörden betrieben das Ausweisungsverfahren weiter

Die Wittenbergs wollten ja auch weg, zurück nach Deutschland. Als überzeugte Kommunisten wollten sie sich in der DDR ansiedeln. Die aber wollte sie gar nicht haben. Viel schlimmer noch erging es anderen Antifaschisten die wie sie in Lateinamerika Exil gefunden hatten. Es schmerzt die Wittenbergs noch heute wie Kommunisten Kommunisten verfolgten. Sie nennen wieder Namen, Politiker wie Paul Merker, Janka, Fürth, Bender, Zuckermann und andere, die in der DDR in Ungnade fielen und Ihrer Posten enthoben wurden oder Andre Simone den Journalisten, der zurück in der Tschechoslowakei im Slansky Prozess hingerichtet wurde.

Nachdem die DDR sie nicht wollte, kamen sie 1951 nach Hamburg, der Heimatstadt von Frau Wittenberg. Die beiden Söhne, die die betagten Eltern auf ihrer Reise nach Weikersheim begleiten, Richter der eine, Theaterregisseur der andere, sind froh in Hamburg geboren zu sein. Die Eltern engagieren sich weiter, auch heute noch, beispielweise in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-, Bund der Antifaschisten, in der internationalen Solidarität und sie unterstützen das linke Wahlbündnis in Hamburg "Regenbogen", auch wenn es bei den jüngsten Wahlen gerade mal von jedem 100ten Hamburger gewählt wurde. Sie stehen zu ihren politischen Überzeugungen. Auf der Seite der Mehrheit zu sein war für die Wittenbergs noch nie das Wichtigste. Zum Schluss äußerte Wittenberg seinen hohen Respekt für die Menschen, die im Widerstand gegen das Naziregime standen, ihnen gebührt Anerkennung und Dank.

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