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Klaus Ronneberger war bereits mehrmals im Club W 71 zu Gast. Er ist Soziologe und lebt in Frankfurt am Main. Sein Thema am letzten Freitagabend waren die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen im heutigen China. Die Ära des Aufbruchs in das Industriezeitalter wird gerne mit Manchester-Kapitalismus bezeichnet. In Anlehnung daran überschrieb er seinen Vortrag "Auf dem Weg zum Shanghai-Kapitalismus?".

Die einschlägigen Wirtschaftsmagazine sind voll des Lobes über die Volksrepublik China. Neben den rein ökonomischen Daten seien es auch die "ostasiatischen Werte", so Klaus Ronneberger, die als Vorbild gepriesen werden. Die typisch chinesische Familienbezogenheit, die Genügsamkeit und die Strebsamkeit wirkten sich positiv auf die Wirtschaft aus. Die politischen Rahmenbedingungen, der autoritäre Politikstil, werden durchaus positiv bewertet. Bei Investitionen gibt es auf chinesischer Seite nur eine Meinung, keine zeitraubenden Einsprüche und Formalitäten. Dagegen sei der Westen, von China aus gesehen, ein Land ohne Ruckzuck, das nur seinen Lebensstil konserviere.

In einem geschichtlichen Abriss ging Ronneberger auf die unterschiedliche Wahrnehmung Chinas durch den Westen ein. Vom Reiz des Exotischen, mancher Rokokogarten zeugt noch davon, bis zur berühmt berüchtigten Hunnenrede Kaiser Wilhelms II reicht die Bandbreite. Während der Herrschaftsperiode von Mao Tsetungs, die Kommunisten gründeten 1949 die Volksrepublik, wurde im Westen vor allem das Bild der blauen Ameisen vermittelt und die gelbe Gefahr beschworen.

Nach dem Tod Maos wurde die vormalige Doktrin der staatlichen Lenkung der Wirtschaft, schrittweise aufgegeben. Herausgekommen ist dabei ein Wirtschaftssystem, in dem sich der Staat, d.h. die Partei und die Armee, die Kontrolle über das Finanzwesen gesichert hat. Gleichzeitig haben die Provinzen und Städte relative Autonomie bei der Verhandlung mit Investoren. Die Verbindung mit diesen regionalen Eliten erinnert an das traditionelle familiare Herrschaftsmodell der chinesischen Kaiserzeit. Abgaben an die verschiedenen Kaderebenen öffnen der Korruption Tür und Tor. Ein großes Problem, gerade für mittelständige westliche Investoren, die mit diesem Gebaren nicht vertraut sind. Anders, als beispielsweise in der früheren Sowjetunion ging die wirtschaftliche Öffnung nicht mit einer politischen einher. Bis heute hat sich keine Zivilgesellschaft herausgebildet.

Die Wirtschaftsdaten klingen eindrucksvoll. Die Wirtschaft wächst seit Jahren kontinuierlich um 10 %. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Ausgangswerte auf einem sehr niedrigen Niveau liegen. Die bis in die Mitte der siebziger Jahre andauernde "Kulturrevolution" zerstörte die Wirtschaftskraft des Landes fast vollständig. China ist heute immer noch ein rückständiges Land mit einigen städtischen Wohlstandsinseln. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf ist in der Region Shanghai 15 mal höher als in bäuerlichen Regionen. Im Club der Mächtigen ist China längst noch nicht angekommen. Der Anteil am Welthandel liegt bei mageren 3,7 %, zum Vergleich Westeuropa hat 40 %.

Die Arbeitsteilung in der globalisierten Welt ist international geregelt. Von großer Bedeutung für den Weltmarkt ist die chinesische "Exportveredelung". 70 % der Geschäfte umfassen diesen Sektor. Halbfertigprodukte werden nach China geliefert, dort weiterverarbeitet und wieder reimportiert. China hat das Problem, dass dabei der Anteil an der Wertschöpfungskette nur bei 15% liegt. Die Ausstrahlung auf seinen Binnenmarkt bleibt gering.

Der Ritt auf dem kapitalistischen Tiger, wie es Klaus Ronneberger nannte, hat eine Mittelklasse von 150 Millionen Menschen hervorgebracht. Er ging aber auch auf die damit verbundenen ökologischen und sozialen Probleme ein. Die chinesische Führung versucht diese nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Vereinzelte Meldungen über soziale Auseinandersetzungen gibt es dennoch. Kein Wunder bei einer offiziellen Arbeitslosigkeit von 15 % und 150 - 200 Millionen Wanderarbeitern, die sich in den Großstädten als Tagelöhner verdingen müssen.

Weltweit sind die Menschen über die Warenproduktion eng miteinander verwoben. Die Billigprodukte aus den Geizkampagnen führen uns das täglich vor. Der Referent resümierte, dass die Rhetorik der Kommunistischen Partei, China sei der Staat der Arbeiterklasse, in gewisser weise stimme. In Zeiten der internationalen Arbeitsteilung findet das globale Kapital dort rechtlose Arbeiterinnen und Arbeiter zu niederen Löhnen vor.

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