Bericht zum Konzert mit Assif Tsahar und Cooper-Moore im club w 71


Weikersheim. Thelonius Monk soll ein Salatblatt anstelle eines Taschentuchs im Revers getragen haben. Der Jazzpionier galt als Exzentriker. Jazzer sind Exzentriker. Das Normale machen, das was alle machen, ist langweilig, bietet keine Herausforderungen. Seinen ganz eigenen Ton, seinen eigenen Stil finden, darum geht es für jeden Jazzmusiker, der sich nicht damit begnügt, nur etwas nachzuspielen, sondern vom Willen beseelt ist, der Geschichte des Jazz etwas neues hinzufügen.
Und weil es dabei um die Konzentration auf das Wesentliche geht, und dem eine Show abzuziehen im Wege stehen würde, hatten Salatblätter bald ausgedient. Show und Entertainment waren des Teufels und entsprechend verpönt – vor allem in Europa und bei den meisten Musikern, die bisher im club w 71 aufgetreten sind. Mit seinem ersten Jazzkonzert im neuen Jahr hatte der club w 71 ein Duo aus New York zu Gast, das an die andere Tradition im Jazz erinnerte: Daran, dass auch Show und Unterhaltung Teil dessen sein können, wie Musiker mit ihrem Publikum kommunizieren. Für Assif Tsahar, der in Tel Aviv geborene neue Stern am Saxophonhimmel, gilt das nur am Rand, doch mit Cooper-Moore brachte er einen Musiker mit, der die exzentrische, afroamerikanische Tradition in einer Art und Weise verkörperte, wie sie im club w 71 noch nicht zu erleben war.

Zwei schräg übereinanderliegende Rahmentrommeln ohne Resonanzkörper auf dem Oberschenkel, in der linken Hand ein Besen, in der rechten zwei Trommelstöcke, daneben ein Becken – eine solche Minimalanordnung hatten selbst die Stammgäste im club w 71 noch nicht erlebt. Es sollte ein Start mit Hindernissen werden. Cooper-Moore rutschte auf seinem Stuhl hin und her, mal fiel ein Stock, mal das Becken zu Boden, wobei offen blieb, ob das Teil einer Inszenierung war, denn der hyperaktive Musiker setzte alle Aktionen mit großer Bühnenpräsenz ein, forderte seinen Partner mit „keep on“-Rufen zum Weitermachen auf - und hatte nach einem Stuhlwechsel den passenden Ausgangspunkt gefunden. Dann ging die Post ab. Drängende, treibende Figuren von einer Dichte, die man dem Instrumentarium nicht zugetraut hätte, legten den rhythmischen Boden, auf dem Assif Tsahar ein Motiv ausbreitete, das er in rasend schnellen Läufen über das ganze Register aufbrach, um zu einfach anmutenden, lyrischen Ruhepunkte zurückzufinden. Assif Tsahar wurde seinem Ruf, einer der bemerkenswertesten Saxophonisten der jungen Generation zu sein, auf ganzer Linie gerecht.

Optischer Mittelpunkt des Abends blieb Cooper-Moore, der mit großer Theatralik agierte. Seine Mundwinkel und Augenbrauen waren so bered wie seine Musik. Mit selbst erfundenen und gebauten Instrumenten zog er die Aufmerksamkeit auf sich. Das „Diddley-Bo“ ist ein Stab mit einer Basssaite, gespielt mit zwei Trommelstöcken, mit denen Cooper-Moore die Töne ziehen konnte wie bei einer Hawai-Gitarre. Sein „Banjo“ erinnerte entfernt an herkömmliche Saiteninstrumente – und seine „Mouth-Bow“, ein gekrümmter mit Saiten bespannter Stab, dem der Mund als Schallraum diente, gab archaisch anmutende Töne von sich. So armselig die Instrumente auf den ersten Blick wirkten – Cooper-Moore gelang es, sie für sich zu benutzen, ihnen etwas Spezifisches abzugewinnen. Immer wieder fühlte man sich an den Erfindungsreichtum schwarzer Musiker erinnert, die mit einfachen Mitteln Wege fanden, sich auszudrücken, seien es selbstgebaute Bässe aus Waschzubern und Besenstielen, oder Tonkrüge, die Jug Bands als Trompetenersatz benutzten. Die Möglichkeiten solcher Instrumente sind natürlich begrenzt, und so musste Assif Tsahar immer wieder auf seinen Partner Rücksicht nehmen. Atemberaubende Abfahrten wie beim Duo von Trommeln und Tenorsax gab es eher selten.
Dass die beiden unterschiedlichen Musikerpersönlichkeiten dennoch so gut miteinander konnten, lag an einer gemeinsamen Grundhaltung, die sich beispielhaft in Albert Aylers Musik findet. Ayler verband in seiner Musik ganz einfache, naive, liedhafte Elemente mit der für seine Zeit fortgeschrittensten Auflösung. Auf die Spitze wurde die Rückkehr zur Einfachheit, zur afroamerikanischen Songtradition getrieben, als Cooper-Moore und Assif Tsahar mit „Happy to be alive“ einen unbegleiteten Song zum Besten gaben, der ganz in der Tradition der unbeirrbaren, naiven Zuversicht von Gospelmusik stand.
Es waren nicht nur die Showelemente im Auftritt Cooper-Moores, die diesen Abend eine besondere Note gaben und zu einer Bereicherung der Jazzreihe des club w 71 beitrugen: Dass die Wurzeln des spröden, schwer zugänglichen Free Jazz im Blues und in der Musik der schwarzen Kirchen Amerikas liegt, war bei diesem Konzert unmittelbar zu hören. Die Kirche ist bei europäischen Musiker nur selten direkt zu hören. Hingabe und Ekstase lassen sich auch bei den abgeklärten Europäern heraushören. Die nächsten Konzerte werden es zeigen.

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