Jazz-Trio "The Thing" gastierte im club w 71 Weikersheim

Energie überträgt sich
ganz ohne Reibungsverluste

Weikersheim. The Thing lieben die härtere Gangart: Ihre Form der Freien Musik verdankt der Rockmusik mindestens ebenso viel wie der Tradition des Free Jazz. Im club w 71 in Weikersheim hatte man nun Gelegenheit, das nachzuprüfen.
Wer schon einmal einen Hundertmeter-Läufer unmittelbar vor dem Start beobachtet hat, kann sich ungefähr Mats Gustafsson kurz vor seinem Saxofon-Einsatz vorstellen: Alles an Kraft scheint sich auf den einen entscheidenden Moment konzentrieren zu wollen.
Die Muskeln sind angespannt, der Kopf wackelt ruckartig hin und her, die Zunge züngelt wie die eines Leguans, alles ist Energie, die wie aus dem Startblock heraus ganz eruptiv losbrechen will. Von der ersten Sekunde an wird hier nicht ums Leben gelaufen, sondern gespielt; die körperliche Hochspannung wandelt sich in Lautstärke, direkt von der Bühne in den Publikumsraum soll sich die Energie übertragen, ganz ohne Reibungs- und Reizverluste.
Gustafsson, der öfter mit der New Yorker Band Sonic Youth zusammenarbeitet, scheint weniger in sein Saxofon hineinzublasen als vielmehr hineinzubrüllen. Was herauskommt, sind energetische, sich überschlagende, überschäumende, getriebene Soli, die nicht zufällig die Intensität einer Rockshow heraufbeschwören wollen.
Das Trio The Thing um den Saxofonisten Mats Gustafsson verknüpft Free Jazz und Garage Rock, und das dafür verwendete Material stammt aus beiden Bereichen gleichermaßen: Jazz-Kompositionen von Donald Ayler und Norman Howard oder die ohnehin schon rohen Stücke etwa von den White Stripes, den Yeah Yeah Yeahs, den Sonics und von Polly Jean Harvey werden von jedem der drei Musiker auf je eigene Weise nochmals bis auf den Kern entschält, rau bearbeitet und schließlich ausgespuckt, auf dass ein anderer der Akteure das Spielzeug aufnimmt und zuspitzt. Die Anstrengung, die dabei in den Gesichtern der Musiker zu lesen ist, lässt sich von Lust nicht mehr unterscheiden.
Mats Gustafsson, Paal Nilssen-Love und Ingebrigt Haker-Flaten heißen die drei Protagonisten, und sie gaben im club w71 in Weikersheim ein aufwühlend impulsives Konzert, in dessen zweistündigem Verlauf alle Register gezogen, alle Energiemodi durchlaufen, alle technischen Finessen ausgebreitet wurden. Es wurde frei improvisert, gerockt, gegroovt, geschwitzt und gelacht. Paal Nilssen-Love am Schlagzeug (zuletzt mit dem Free Music Ensemble im club w 71) ist mit Ende zwanzig schon so atemberaubend versiert, dass man es kaum fassen kann, wie nur zwei Hände und zwei Füße diese polyrhythmischen Kaskaden erzeugen können.
Der Bassist Ingebrigt Haker-Flaten, der zu Anfang Schwierigkeiten hatte, sich trotz des Verstärkers gegen die beiden anderen Musiker zu behaupten, stellt die ideale Ergänzung zu Nilssen-Loves voranpreschenden und gleichwohl immer lässig swingenden Beats dar: Hart zupfend bewältigt er die kompliziertesten Läufe auf seinem Kontrabass.
Im Umkreis von hundert Kilometern dürfte man ein so faszinierendes Programm mit Jazz-Musik, wie es der club w 71 seit Jahrzehnten bietet, nirgendwo finden. Nach Ken Vandermarks virtuosem Free Fall Trio vor knapp zwei Wochen, nach dem großartig rockigen Trio The Thing, folgt nun am 10. Dezember der Höhepunkt dieses Jazz-Winters im club: Das legendäre Schlippenbach Trio kommt zum zweiten Mal nach Weikersheim ins Gärtnerhaus. Zu erleben ist dann eines der einflussreichsten Ensembles der letzten dreißig Jahre.
Ulrich Rüdenauer

(c) Fränkische Nachrichten - 02.12.2004

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