MUSIC FOR THE NEW MILLENNIUM?
KEN VANDERMARKS TERRITORY BAND AM 20.10.2005 IM KULT NIEDERSTETTEN

Dass die ‚Neue Musik‘ in Gestalt des Dodekatetts Territory Band zwischen Donaueschingen und Ljulbljana einen Zwischenstopp im ländlichen Niederstetten einlegte, ist dem Engagement der Programmmacher des Weikersheimer Club W71 zu verdanken, die im letzten Jahr bereit das ebenso hochkarätige Peter Brötzmann Chicago Tentet ins KULT gelotst hatten. Initiator der seit dem Jahr Null dieses Jahrtausends aktiven Truppe ist der neuenglische Reedbläser Ken Vandermark, der Hauptaktivist der Chicago Renaissance, dem 1999 der hochdotierte McArthur Genius Grant verliehen wurde für seine postmodernen Revisionen dessen, was mangels eines besseren Begriffs immer noch ‚Jazz‘ genannt wird. Anders als so manche seiner Altersgenossen, Vandermark ist Jahrgang 1964, versucht er der Ungnade der späten Geburt einen nach vorne gerichteten neuen Kick zu geben. In Formationen wie The Vandermark 5, DKV, Free Fall, School Days, Spaceways Inc. oder FME versucht er mit workoholischem Commitment der von Patina überkrusteten transafrikanischen Free Music, der teilweise in Clichés erstarrten europäischen Freien Improvisation und den Stoppelfeldern der Avantgarde frischen Wind einzuhauchen.

Im Großformat der Territory Band sucht er, parallel zu Barry Guys New Orchestra, Misha Mengelbergs ICP und Brötzmanns Chicago Tentet, speziell nach Möglichkeiten, das Paradox eines Orchesters von Improvisatoren zu einem zeitgemäßen und brisanten Klangkörper zu organisieren. Die Territory Band beruht auf Paarbildungen, zwei deutschen Blechbläsern, Johannes Bauer an der Posaune und Axel Dörner an der Trompete, zwei Reedbläsern, Vandermark selbst und Dave Rempis an Saxophonen & Klarinetten, zwei Saiteninstrumenten, Fred Lonberg-Holm am Cello und Kent Kessler am Kontrabass und zwei Schlagzeugern, Paul Lytton und Paal Nilsson-Love, erweitert um die beiden Stockholmer Fredrik Ljungkvist an Tenorsax & Klarinette und Per-Åke Holmlander an der Tuba, Jim Baker am Piano und Lasse Marhaug aus Oslo an Electronics. Dieses amerikanisch-skandinavisch-deutsche Ensemble beschallte, von Vandermark sanft moderiert, die KULT-Besucher mit den vier Kompositionen ‚Untitled Fiction‘, ‚Fall with a Vengeance‘, ‚Corrosion‘ und ‚Cars‘.

Nur, was heißt hier ‚Ensemble‘ und was ‚Komposition‘? Gespielt wird - nur der Präsens wird dieser Musik gerecht - partiell vom Blatt, Kopfmotive und Erkennungsmelodien, die leitmotivisch durch die Stücke geistern, die, gelinde gesagt, sämtlich einen bizarren Formverlauf nehmen. Weit größeren Raum nehmen jedoch freie Passagen ein, in denen sich die Territory Band zergliedert in stupende Soli, unerwartet wechselnde Duette, Trios, Quartette, Quintette. Immer wieder erfolgen blitzartige Reaktionen auf Handzeichen hin und interne, teilweise offensichtlich spontane Verabredungen. Das erinnert an die Conductionmethode von Butch Morris, an John Zorns Gamepieces mit Cobra oder als ob mit der Fernbedienung zwischen Programmen hin und her gezappt würde. Oft scheinen räumliche oder grafische Motive, manchmal die pure Lust den Verlauf zu steuern, Wechsel von links und rechts und Vorder- und Hintergrund, sprich Bläser und Rhythmsection, Spiegelungen, sich kreuzende Diagonalen. Instrumentalkonstellationen und damit Klangfarben werden so auf verblüffende Weise arrangiert, wodurch jede Komposition erst ihre komplexe Gesamtgestalt im Raum und in der Zeit erhält. ‚Corrosion‘ z.B. basiert auf der Wiederkehr des Gleichen. Das von den Bläsern, Cello und Electronics intonierte Motiv aus stufig in den Raum gesetzten Haltetönen kehrt gegen Ende wieder, erst allein als Sampling von Marhaug, bis die Bläser den Kreis schließen, ein Ende, das den Anfang spiegelt. Was sich auf dem Papier simpel anhört, ist in ‚echt‘ aber eine labyrinthische Achterbahnfahrt über einen Moebiuschleifenparcour mit fehlenden Gleisstücken. Und trotzdem leuchtet diese Musik einem spontan ein, geht unter die Haut als opulentes Klangpluriversum, das quecksilbrig mit sich selbst jongliert, als durch und durch spannender Nervenkitzel.

Beispielhaft für die abenteuerliche Ereignisdichte will ich nur an das für mich, obwohl die Wahl schwer fällt, bezauberndste Stück des Abends heran zoomen - das abschließende ‚Cars‘. Das ganze Ensemble stimmt eine getragene Volksweise an, eine Art Wiegen- oder Kirchenlied mit Trauerrand, dunkel durchpulst von Tuba und Bass. Aus diesem Fond schält sich, nur von Cello und beiden Drummern flankiert, die Bassklarinette, die die dunkle Klangfarbe weiter trägt, abgelöst von den Electronics, erst mit dunklem Puls, dann mit dissonanten Kurzwellenschlieren, das Piano schaltet sich ein mit Satie‘esker Zartheit, die abgeschnitten wird vom kakophonen Zusammenprall von zuerst Saxophon und Posaune, dann von Tuba, Baritonsax und Piano, von erneut Rempis mit Kessler und Lytton, der dann auch ein Quartett mit Trompete, Cello und Klarinette durchrumpelt, gefolgt von einem diskanten Klarinettensolo von Ljungkvist, das letztes Ohrenschmalz löst und plötzlich umbricht in temporeiche Tuttiturbulenzen, abrupt abgeschnitten für ein Duett von Laptop und Lytton. Und mit einem erneuten Fullstopp folgt ein magischer Moment, eine Generalpause von Gedenkminutenlänge, bei der das Ensemble einfriert und auch das Publikum geschlossen den Atem anhält, bis Nilssen-Love mit zagen Schabgeräuschen den Bann löst, die Posaune und die Tuba leise zu fauchen, das Cello zu summen, die Trompete zu schnarren beginnen. Schnitt! Baker klimpert allein, wird erneut ganz brutal abgeschnitten von rabiatem Lytton & Nilssen-Love-Gerappel, bis das Ensemble, von der Tuba beunkt und angeführt von Ljunkvists Tenor funky Schwung nimmt und alle zusammen in kollektiver Euphorie das Publikum im Saal mit hochnehmen auf Wolke 9 --- Im Innersten verstand man in diesem Himmelfahrtsmoment, was Stockhausen gemeint hat mit „in die Auferstehung jagen.“

Aber was ist nun Vandermarks Lösungsvorschlag, nüchtern betrachtet? In meinem Verständnis versucht er, konsequenter als andere, den postmodernen Blick umzukehren von einer melancholischen Retrospektive hin zur Erkenntnis, dass, wie man sich auch dreht und wendet, zwar der Arsch immer hinten bleibt, die Nase aber eben auch immer nach vorne zeigt. Vorstellungen von Linearität und musikalischem ‚Fortschritt‘ sind abgelöst durch eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, durch Polyzentralität und Automobilität. In Vandermarks ‚Aboutness‘, in der er seine Arbeiten verehrend Größen und Heroen widmet, auf deren Schultern wir stehen, sind die Innovationen eines Ellington, Albert Ayler, Don Cherry, Sun Ra, George Clinton et. al. vergegenwärtigt, nicht um zu nassauern, sondern kombiniert zu einem Multiperspektivismus, der den eigenen Blick schärft für das naheliegend Machbare. Insofern hat Vandermark die Kunst des Erbens vervollkommnet und den Blick nach vorne gerichtet, nicht mehr im alten Glauben an ein allgemeines „Vorwärts“ in eine bestimmte Richtung, sondern daran, „kreative Innovationsschritte“ nach allen Richtungen hin aneinander zu setzen. Machbar ist immer nur das, was man macht.

rbd