NORTHERN STAR

Am 24.2.2007 war schon wieder eine Sternfahrt in den Weikersheimer Club W 71 angesagt, Grund – die SURVIVAL UNIT III, den W 71- & KULT-Aficionados bekannt als 3/10 des Peter Brötzmann Chicago Tentets in Gestalt des Cellisten Fred Lonberg-Holm (*1962), des Drummers Michael Zerang (*1958) und vor allem des Pockettrompeters & Tenorsaxophonisten Joe McPhee (*1939). Wenn man sich umschaute, konnte man die Kenner am erwartungsvollen Gesichtsausdruck erkennen. Andere verließen sich auf die W 71-Auslese als Garant des Außerordentlichen und zogen nur angesichts der Effektpedale rund um das Cello die Augenbrauen hoch.
Doch was wurde da geboten? JUST MUSIC, nannte es McPhee hinterher. Er könne es auch nicht genauer erklären, nur dass dieses Trio so beisammen sei wie ein Vogelschwarm, der die abruptesten Richtungsänderungen gemeinsam ausführt. Ich bin hin und her gerissen, was ich erstaunlicher fand. Wie sich tastend aus Geräuschen und Klangfarben allmählich Muster bildeten. Wie vor allem McPhee, dem man seine 68 Jahre einfach nicht glauben mag, auch wenn er versichert, dass er in den frühen 60ern 2 Jahre im Musikchor der Würzburger Emery Barracks ‚gedient’ hat, daraus melodiöse, immer wieder lyrische, bluesige, hymnische Vibes formte. Oder wie die Drei das eine und das andere, Plinkplonk, Groove und Lied, so durchmischten, dass es ein natürliches Ganzes ergab. Music, just Music. Zerang spielte mit Plastik- und geriffelten Holzstöcken, Schlegeln und Croupierrechen, mit denen er über Felle, Cymbals oder Metalldeckel hinweg oft einfach nur durch wechselnden Druck raffinierte Klangschlieren schabte, quietschte, spitzentänzelte und im Handumdrehen krumme Taktfolgen klopfte, die über die Seidenstraße und den Balkan ihren Weg in den Westen gefunden zu haben schienen. Sein umwerfendes Spiel mit Farben und Mantras animierte selbst Grauköpfe im randvoll besetzten Club zum Headbangen.
Dieser orientalische Pol, den Zerang buddhagesichtig und bezopft adäquat verkörpert, stand in ständiger Spannung mit dem kaukasischen des hageren, bärtigen, wollmützigen Cellisten, der mit Pizzikato- und Arcofinessen die Saiten chromatisch zum Schwingen brachte und blitzschnell den Klang durch Delay, Wah Wah, Rückwärtsloops, Feedback oder Frequenzmodulation von feinen Nuancen bis ins Exzessive steigerte. Für die heißesten Passagen tippte er seine Schalter per Hand, kaute erregt auf dem Plektrum, schüttelte sein Instrument als bloßen Resonanzkörper und ließ so im Verbund mit Zerangs rasenden Jazzcorebeats den Geist von Jimi Hendrix erscheinen. Über allem aber segelte traumsicher der souveräne McPhee, der mal mit der kleinen Trompete nur tonlos fauchte, mit der Handfläche Luftschlangen aus dem Trichter schubste, Ton in Ton mit seinen Partnern einfach nur mit dem Saxophon klackerte, um dann genau in den richtigen Momenten schneidend, zuckend ins Horn zu stoßen oder auf dem Tenor so zu singen, ja zu singen, als ob er zur Hochzeit von Schönheit und Freiheit aufspielen würde. Im intimen Rahmen und ganz transparenter Akustik wurde jede klangliche Nuance hörbar, die er allein durch eine kleine Körperdrehung erzeugte, jeder Überblaston, jedes angeraute Vibrato. Aus dieser Liebe zum Detail schälten sich immer wieder Lieder ohne Worte, die, mit Feuerzunge gesungen, von Freiheit & Einklang, Schatten & Licht, Schreie & Flüstern erzählten und dabei Poesie und Provokation ununterscheidbar machten. Mit Händen greifbar ließ diese Survival Unit Synergie zirkulieren, zu der auch das aufmerksame, dankbare und zunehmend enthusiasmierte Publikum spürbar beitrug.
Es gibt Leitfiguren für solche Musik und McPhee nannte zwei davon, Sonny Rollins, dessen Way Out West er paraphrasiert hatte, mit seiner Freedom Suite (1958), und Max Roach mit seinem radikalen We Insist! - Freedom Now (1960). Beides sind für McPhee ‚Northern Stars’, Leitsterne der Underground Railroad (so hatte er 1968 seine zweite LP genannt) aus der Unfreiheit in eine nicht allein musikalische Freiheit. Bei der Zugabe zur Zugabe badete er in solchem Sternenlicht mit einem Tenorsolo, so zart, als ob er ein mutterloses Kind in den Schlaf wiegen wollte. Nicht Wenige mussten danach den Kloß im Hals mit einem weiteren ‚Dornfelder’ runter spülen.

Fotos vom Konzert