Bericht zum Konzert von Irène Schweizer und Pierre Favre im Gärtnerhaus/Schloss Weikersheim am 23. November 2003


Weikersheim. Mehr als jede andere Besetzung lässt das Konzert eines Duos an ein Gespräch denken. Dies gilt vor allem dann, wenn die Musiker ihre Musik improvisieren, ihr Konzert aus den eigenen Erfindungen und der Reaktion auf das Spiel des jeweils anderen entsteht. Wer am Sonntag im Gewehrhaus auf Schloss Weikersheim zu Gast war, wurde zum Zeugen einer auf höchstem Niveau geglückten Kommunikation zwischen zwei Musikern: Der Pianistin Irène Schweizer und dem Schlagzeuger Pierre Favre.
Schon in der Konzertpause wurde gefragt, ob die beiden denn ein Paar seien, so perfekt sind sie aufeinander eingestellt. Privat sind sie kein Paar, aber als musikalisches Duo sind sie eine Traumbesetzung - was längst nicht für alle Duos gilt, in denen zwei mit allen Wassern gewaschene Meistermusiker aufeinander treffen. Hier zählen nicht nur musikalische Fähigkeiten, sondern auch ganz allgemein menschliche, Fragen des Umgangs miteinander. Die entscheidende Tugend der beiden Musikern ist ihre Fähigkeit beim Spielen dem anderen Zuzuhören. Ein Satz, der aus einer Partnerschaftsberatung stammen könnte. Das braucht nicht verwundern, denn ein gutes Konzert ist ein Paradebeispiel für gelungene Interaktion. Ohne die Aufmerksamkeit für den anderen, geht im freien Jazz gar nichts.
Bleiben wir noch beim Partnerschafts-Workshop: Das ebenso verwerfliche Gegenteil zum sich in den Vordergrund spielenden Egomanen ist die eigene Zurücknahme vor dem anderen. Das geht auf Kosten der Lebendigkeit. Bei Schweizer-Favre besteht diese Gefahr nicht: Beide haben im Partner einen verlässlich starken Gegenüber, vor dem sie sich nicht zurücknehmen brauchen, sie können ihre Stärken voll ausspielen, ohne den anderen in die Enge zu treiben.
Natürlich ist all das noch kein Rezept für ein tolles Konzert, es deutet lediglich die Spielregeln an, die dafür nötig sind.
Richtig gut kann ein Konzert erst werden, wenn die Musiker über genügend Vokabular verfügen, mit dem sie sich unterhalten können. Bei Irène Schweizer und Pierre Favre macht sich bemerkbar, wie lang und intensiv sie an ihren Ausdrucksmöglichkeiten gearbeitet haben. Beide sind mit Jazz aufgewachsen, haben sich als Musiker in die Szene eingebracht, sich dabei die klassischen Stile angeeignet. Mitte der 60er Jahre wurden beide Teil der Free-Jazz-Szene, die mit ihrer Musik die Beschränkungen des traditionellen Jazz einrissen, die Tonalität und den steten Beat hinter sich ließen. Von beiden wurde dieses An-die-Grenzen-gehen in einen ganz persönlichen Stil eingebaut, der die Errungenschaften dieser Erkundungsphase nicht als jugendlichen Blödsinn abstraft, sondern als wichtiges Element begreift, mit dem sich spielen und arbeiten lässt. Neben vielen anderen Elementen: Anleihen bei Thelonius Monk, noch weiter zurück bei Ellington, beim südafrikanischen Jazz mit seinen ausladenden, wuchtig rollenden Rhythmen, komplexe rhythmische Figuren, breaks - immerfort wurde man beim Hören auf das reiche Erbe des Jazz und der Musikstile, aus denen er sich speist, gestoßen, zuweilen auch auf Elemente der klassischen Moderne, Tupfer von Strawinski oder Bartok. Die Elemente im Spiel von Irène Schweizer und Pierre Favre wirkten weder museal noch wie postmodernes Zitat, sondern als verbindliche, für eigene Bedürfnisse zugeschliffene Bestandteile eines lebendigen Vokabulars.
Wollte man sich des häufig bemühten Bildes bedienen, dass die Bälle zwischen den beiden nur so hin- und herflogen, müsste man ergänzen, dass es den Anschein hatte, dass immer mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft waren. Die Einwürfe und Reaktionen fügten sich zu einem vielschichtigen rhythmisch-harmonischen Geschiebe: Das Klavier war ebenso Rhythmus wie das große Schlagzeug mit den gestimmten Trommeln zum Melodieinstrument wurde. Und während komplexer Kunst gern angedichtet wird, sie sei unverständlich, ließ sich das Publikum von der Wucht und Kraft dieser Interaktion begeistert mitreißen. Viele waren gekommen, die sich diesen Dialog nicht entgehen lassen wollten. Und das, obwohl in den großen Medien keinerlei Notiz von dieser Kunst genommen wird, weil sie auch vom Zuhörer Aufmerksamkeit erfordert. Aber jedes Konzert spricht für sich, und wo einmal ein Anfang gemacht wurde, finden sich Interessierte ein, denen diese Art intensiver musikalischer Kommunikation mehr bedeutet als vorgefertigte Produkte. Dem langen, herzlichen Beifall nach zu urteilen, dürften es nach dem großartigen Konzert von Irène Schweizer und Pierre Favre wieder einige Fans mehr sein.
(Norbert Bach)

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