Legendär und traumwandlerisch

Das Schlippenbach Trio begeisterte im Gärtnerhaus von Schloss Weikersheim

Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Paul Lovens - klingendere Namen sind im Free Jazz der letzten 30 Jahre kaum vorstellbar. Das legendäre Schlippenbach Trio war nun auf Einladung des club w 71 bereits zum zweiten Mal zu Gast im Gärtnerhaus von Schloss Weikersheim.
Weihnachtslieder, Glühwein, Kinder mit Zipfelmützen und der Duft von Bratäpfeln und Bratwurst - der Weg zu einem der mitreißendsten Jazz-Konzerte des Jahres führt über den Weikersheimer Weihnachtsmarkt, der in den Schlosshof lockt, weiter zum Gärtnerhaus.
Das ist ein gutes Zeichen: Hier und heute wird für Jazz-Fans eine vorweihnachtliche Bescherung stattfinden. Fast gefroren schwebt in Nebel gehülltes Licht über dem Schlosspark, und die Türen zum Gärtnerhaus sind zum Glück schon einige Zeit vor Beginn des Konzertes mit dem Schlippenbach Trio geöffnet, was einen vor Frostbeulen bewahrt.
Im Saal spielen sich Alexander von Schlippenbach am Klavier und Evan Parker am Saxophon warm, und was davon ins Treppenhaus des Gärtnerhauses schallt, klingt ganz traditionell, ein unidentifizierbarer Standard, eine hingezauberte Nummer. Im ersten Stock haben sich schon ein paar Freunde aus dem club w 71 eingefunden, und es gibt Bier und Wein und Sekt.
Paul Lovens steht in der Runde dabei, und einer sagt, ein Reporter habe einmal geschrieben: "Paul Lovens ist Gott". Da wiegelt Lovens ab und meint: "Das stimmt doch gar nicht, ich bin doch kein Religionsstifter." Aber man ahnt: Zumindest im Kosmos der Schlagzeuger ist er einer.
Im Gärtnerhaus gibt es einen Flügel und auch Platz für mehr Zuhörer, weshalb der club w 71 beim letzten Jazz-Konzert des Jahres umgezogen ist. Kann man sich einen größeren Gegensatz vorstellen: hier der club w 71 mit seinem Charme des Alternativen, etwas Unvollkommenen und Provisorischen; dort das frisch renoviert wirkende Gärtnerhaus mit Deckenbemalungen und einer - verglichen mit dem club - gewissen Weiträumigkeit.
Hier das kleine Clubheim, gelegen zwischen den Sportplätzen; dort das Gärtnerhaus als Teil des prächtigen Weikersheimer Schlosses.
Ein größerer Gegensatz zwischen den Klängen, die man noch vom ein paar Schritte entfernten Weihnachtsmarkt im Ohr hat, und dem, was an diesem Abend passiert, lässt sich ebenfalls kaum denken.
Auch von der Standard-Nummer, die Parker und von Schlippenbach zum Einspielen benutzt haben, ist beim furiosen Beginn des Konzertes nichts mehr zu spüren: Traumwandlerisch, mit heftiger Intonation, fast aggressiv legt dieses sich über 30 Jahre hinweg immer wieder neu herausfordernde Trio los.
Freie Improvisationsstrecken, die in einer verführerischen Balance zu festgelegten Strukturen gehalten werden, geben den drei Musikern genügend Raum, ihre eigene Sprache zu erproben - und miteinander in rasende, sanfte, ernste, raubeinige, witzige Dialoge zu treten.
Fast über eine Stunde lang zieht sich der erste Set hin, er durchläuft eine immense Formenvielfalt, die zugleich eine Geschichte des (Free)Jazz der letzten Jahrzehnte ausstellt. Das Schlippenbach Trio bringt musikalische Entwicklungen auf den Punkt und bricht sie wieder auf, um sich selber für Neues zu öffnen. Evan Parkers Saxophon hört sich zuweilen an wie das von John Coltrane zu Beginn der 60er Jahre, nur noch etwas forcierter. Schließt man die Augen, glaubt man zwei Saxophonisten zuzuhören.
Das expressive, rhythmische, manchmal Monksche Klavierspiel Schlippenbachs harmoniert auf unvergleichliche Weise mit der perkussiven Eleganz und asymmetrisch-polyrhythmischen Schlagfertigkeit von Paul Lovens, der zuletzt zusammen mit Eugene Chadbourne im club w 71 zu hören und zu bewundern war.
Seit 1972 ist das Schlippenbach Trio zusammen - diese Stabilität zahlt sich in einer fast unheimlichen Fähigkeit zur Interaktion aus, die dennoch überhaupt nichts Routiniertes an sich hat. Als Zuhörer ist man inmitten dieser Musik, wird von ihr umhüllt, das eigene Denken und Fühlen bewegt sich irgendwann ganz automatisch mit den Sprüngen und Linien dieser drei improvisierenden, fast unerhört-unhörbare Klänge erzeugenden Instrumentalisten.
Ganz am Ende, nach einem zweiten, sich fast über eine Stunde ausdehnenden Stück, fallen die drei - wie zur Erleichterung - in ein klassisches Jazz-Muster und entlassen einen so glücklich in die klirrend kalte, stille Nacht. Ulrich Rüdenauer

(c) Fränkische Nachrichten - 17.12.2004


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