Nichts weniger, als den in unserem Alltagsbewusstsein und in der politischen Diskussion so positiv bewerteten Begriff "Arbeit" stellte der Wiener Erziehungswissenschaftler Prof. Erich Ribolits in den Mittelpunkt seiner Kritik. Auf Einladung des DGB Region Heilbronn-Franken und des Club W71 hielt er einen Vortrag , in dem er dem Loblied auf die Arbeit ein dickes Fragezeichen anfügte.

Die Philosophin Hannah Arendt, die Erich Ribolits am Anfang seines Referates zitierte, forderte schon in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts endlich den Segen aus den Produktivitätssteigerungen und den technischen Fortschritten zu ernten. Sie erträumte sich von der Mühsal, von den Fesseln der Arbeit, befreit zu sein. 50 Jahre später, in der sich weitere technische Revolutionen ereignet haben, man denke nur an die Mikroelektronik, ist aus dem erhofften Segen ein Fluch geworden. Der Arbeitsgesellschaft geht ihre Grundlage, die Arbeit aus. Dennoch hält sie unbeirrt an dem Arbeitsethos fest. Als den Anfang vom Ende der Arbeit bezeichnete Ribolits die heutige Situation.

Arbeitszeitverlängerungen werden angekündigt. Normalarbeitsverhältnisse nehmen zugunsten von ungesicherten Arbeitsverhältnissen ab. Immer mehr Menschen werden überhaupt nicht mehr gebraucht und bilden das Heer der Arbeitslosen. Die Arbeitskraft muss heute unter dem früheren Niveau verkauft werden. Egal was produziert wird, egal wie fremdbestimmt die Arbeitenden sind -Hauptsache Arbeit. Die sozialen und ökologischen Folgen werden nicht hinterfragt. "Jeder Job ist besser als kein Job", zitiert er Bill Clinton.

In einem kurzen historischen Exkurs zeigt Ribolits auf, dass die heutige positive Einstellung zur Arbeit etwas geschichtlich sehr Neues ist. Der antike oder mittelalterliche Mensch empfand es als Makel, wenn ihm nachgesagt wurde, dass er arbeitet. Arbeit war etwas für Menschen die aufgrund von Machtverhältnissen ausgeliefert waren. Die herrschenden Eliten nahmen sich das Recht heraus, nicht arbeiten zu müssen. Bei der Untersuchung von Sprachwurzeln lässt sich bei allen europäischen Sprachen nachweisen, dass das Wort "Arbeit" mit Last, Mühsal und Unfreiheit verknüpft ist. Der Begriff "Handwerk" drückt aus, dass sich der Meister positiv mit seinem "Werk" identifizierte und nicht mit der "Arbeit".

Ribolits grenzt den Begriff "Arbeit" ab. Er definiert ihn als die Verrichtung von notwendigem Übel. In der Auseinandersetzung mit der Natur müssen bestimmte Dinge gemacht werden. Aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben ergeben sich Aufgaben, die gemacht werden müssen. Jenseits davon gibt ist es ein den Menschen innenwohnendes Bedürfnis, tätig zu sein. Sich kreativ zu betätigen, die Gesellschaft und die Umwelt mitzugestalten ist etwas lustvolles. Genauso entspricht es der menschlichen Neigung, Zeit zur Muse und zum Müßiggang zu haben.

An der Schwelle zur Neuzeit begann man die Arbeit vom notwendigen Übel in eine Tugend umzudeuten. Vor allem die reformierten Kirchen werteten jetzt die Arbeit als Zweck an sich. Das himmlische Seelenheil wurde an den irdischen Fleiß und die irdische Strebsamkeit geknüpft. Die im 19. Jahrhundert aufkommende Arbeiterbewegung beteiligte sich ebenfalls an der Vergötzung der Arbeit. Äußerst erbost reagierte Karl Marx auf eine Schrift seines Schwiegersohnes Paul Lafargue. Sie trug den Titel: "das Recht auf Faulheit". Bewusst hatte er die Losung der Arbeiterbewegung "Recht auf Arbeit" umgekehrt. Verblüffend auch, dass die sowjetische Verfassung mit einem Satz aus der Bibel begann: "wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen".

Nach Meinung von Erich Ribolits tragen die sozialen und emanzipativen Bewegungen ein Hemmnis mit sich herum, wenn sie sich nicht von dem Bekenntnis zur Arbeit lösen. Eine an den menschlichen Bedürfnissen orientierte freie Gesellschaft beginne jenseits der Arbeitsnotwendigkeit. Der durch die immensen Produktivitätsfortschritte erzielte Arbeitserfolg muss gerecht aufgeteilt werden. Die Wohlversorgtheit aller Menschen ist mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft möglich. Die menschliche Kreativität wurde immer benutzt, um die Arbeit zu reduzieren, um mit weniger Arbeit auszukommen. Die ganze Absurdität zeigt sich für Ribolits in der Diskussion über die Verlängerungen der Lebensarbeitszeit.

Als Erziehungswissenschaftler, er ist in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung tätig, ist für ihn das Spiegelbild von sinnlosem Arbeiten, das sinnlose Lernen. Zwei Seiten der gleichen Medaille. Die gegenwärtige Bildungspolitik soll dazu dienen, die Menschen auf ihre Markttauglichkeit zu trimmen. Bildungspolitik dient dazu Kapital ins Land zu locken um den "Standort" zu sichern. Den Schülern und Studenten wird vermittelt den Markt als ideales Steuerungselement anzuerkennen und sich ihm bewusstlos anzupassen. Ribolits stellt dem sein Bildungsideal einer autonomen Persönlichkeit entgegen, die kritisch und selbstbewusst gesellschaftliche Prozesse durchschaut und sich an ihnen aktiv beteiligen kann. Demnächst erscheint im Buchhandel die Aufsatzsammlung "Dead Men Work", in der der Referent, neben einer Reihe anderer sozial- und arbeitskritischer Autoren, seine Thesen zur Bildungspolitik ausführlich dargelegt.
Wie nicht anders zu erwarten ergab sich aus dem Gesagten viel Stoff für eine lange Diskussion.