LESUNG / Der große Schriftsteller Peter Kurzeck zu Gast im club w 71 in Weikersheim
Die versunkene Welt im eigenen Leben
Über die allmähliche Verfertigung der Erzählung beim Reden: Der Frankfurter Autor begeistert seine Zuhörer
Peter Kurzecks Bücher sind ebenso eindrucksvoll wie sein Vortrag: Die kleine Schar Kurzeck-Freunde im Weikersheimer club w 71 konnte sich am Freitag erneut davon überzeugen - bereits vor einigen Jahren war der Frankfurter Schriftsteller schon einmal zu Gast.

ULRICH RÜDENAUER


"Wie soll man die Zeit erzählen?" - vielleicht so wie der Frankfurter Autor Peter Kurzeck, der am Freitag zu Gast war im club w 71. FOTO: ULRICH RÜDENAUER

WEIKERSHEIM "Der Sommer, der bleibt" heißt eine der ungewöhnlichsten Erzählungen in der deutschsprachigen Literatur. Es gibt sie nicht als Buch, nur als Hörbuch; es gibt sie nicht in der Schrift, sondern nur mündlich, als aufgezeichnete, aus dem Moment entstandene Erinnerungsflut. Peter Kurzeck heißt der Autor, und auf den gerade erschienenen vier CDs (Supposé Verlag) "erzählt er das Dorf seiner Kindheit". Wer am vergangenen Freitag die Freude hatte, im club w 71 zu sein, der konnte den Erzähler Peter Kurzeck nun sogar noch unmittelbarer erleben: Nach der wunderbaren Lesung aus seinem letzten Roman "Oktober und wer wir selbst sind" redete er sich an diesem Abend hinein in eine ausschweifende, sein Kindheitsdorf Staufenberg mit dem Dorf der Gegenwart vergleichende Suada - mitfühlend, polemisch und witzig zugleich ließ er die Entwicklung von Jahrzehnten, den Verfall der alten Strukturen, die Physiognomie des Dorfbewohners wie einen Zeitrafferfilm vor den inneren Augen der Zuhörer abrollen.

Peter Kurzeck ist der Erinnerungsautor der Gegenwart: Der 64-Jährige taucht hinab "in die versunkene Welt im eigenen Leben". Das alte oberhessische Heimatdorf, das er sich in seinen Büchern neu erbaut, gibt es längst nicht mehr: "Es liegt unerreichbar", sagt er, "weiter als der Mond". Und doch ist alles da; Kurzeck "schafft sich die Wirklichkeit nach", lauscht den Geräuschen des Zuges, die je nach Jahreszeit eine andere Tonfärbung annehmen, schaut als Kind in die Sterne hinauf und hat ein Gefühl, "als ginge ich am Himmel lang". Peter Kurzecks Bücher - allesamt sind sie im kleinen Frankfurter Stroemfeld Verlag erschienen - handeln von einer Frage: "Wie soll man die Zeit erzählen?" Wie können die Dinge, die Menschen, die Begegnungen, Straßen und Häuser bewahrt werden, was erzählen die Wege und Steine?
Kurzeck umkreist sich selbst, indem er alles um sich herum aufgreift und mitnimmt in seinen Text. Er lässt sich in den Büchern von seiner Tochter Carina zum Erzählen und Fantasieren verführen, erfindet die Welt, wie sie auch sein könnte und wie sie ist. Seine Raumwahrnehmung gehört eigentlich einer anderen Zeit an, als es noch keine Autos oder Flugzeuge gab. Peter Kurzecks Erzähler gehen und sehen, sie erkunden jeden Winkel, drosseln die Geschwindigkeit, lassen sich auf Abwege führen und in unbekannte Straßen. Staufenberg und Frankfurt - das sind die beiden unerschöpflichen Quellen, aus denen sich die Literatur Kurzecks speist. Im Takt des Gehens wird das alltägliche Leben (und alles, was das alltägliche Leben ausmacht) protokolliert, in einen eigenen musikalischen Rhythmus gebracht. Kurzeck geht langsam, und seine filigran komponierten Texte zeugen von dieser langsamen Aufmerksamkeit: Um ein einziges Jahr in eine betörende Form des Erinnerns zu bringen, braucht es acht oder neun eng bedruckte Bände. Kurzeck arbeitet an einem gewaltigen Projekt, das aus der Anschauung der Normalität eine eigene Wahrheit erzeugt; er schafft sich sein eigenes Archiv aus dem, was ansonsten verloren gehen würde. Was am Rande liegt, ist ihm Seiten wert. Nein, ganze Bücher. Und dabei ist Kurzeck ein behutsamer, bedenkender Autor. Man merkt es, wenn er seine Texte vorträgt, ihren Rhythmus aufnimmt, ihre Genauigkeit, ihre Neugierde. Kurzecks Satzmelodie ist die des staunenden, fragenden Kindes - jedes Satzende wird in die Höhe gezogen, schwingt sich noch einmal auf. Das ist kein Zögern und Zaudern, sondern schon die Vorfreude auf die nächste Entdeckung, auf die nächsten Worte, die nächsten unscheinbaren Abenteuer. Und die Gewissheit, dass ja alles auch anders sein könnte, dass die Erinnerung eine formbare Masse ist, die in einem selbst immer wieder neu entsteht. Kurzeck dichtet, wie er redet, und er redet, wie er dichtet. Er hat keine Wahl: "Man schreibt ja nur", sagt er, "wenn man keinen anderen Ausweg im Leben findet." Wenn man keinen Ausweg findet, schreibt man immer weiter, so wie Peter Kurzeck. Die Literatur als Lebensform - etwas, in "das man seine eigene Erfahrungen hineinbringt" - verträgt keine Kompromisse.

Hermann Hesse hat einmal gesagt: "Wenn Robert Walser hunderttausend Leser hätte, wäre die Welt besser." Sie wäre auch besser, wenn Peter Kurzeck hunderttausend Leser hätte. Er sollte mehr noch haben. Bis es soweit ist, dürfen sich die auserwählten Zuhörer im club w 71 an ihm erfreuen.