Mit der nervösen Kraft der Übermüdung
Das Free Music Ensemble ließ im club w 71 ein beeindrucktes Publikum zurück
Von unserem Mitarbeiter Ulrich Rüdenauer

Weikersheim. Das Free Music Ensemble um den Ausnahme-Saxophonisten Ken Vandermark steht für die Erneuerung der Free Jazz-Szene. Im club w 71 ließ das Trio ein beeindrucktes Publikum zurück.

Der ehrwürdige und altgediente Free-Jazzer Peter Brötzmann weiß, wovon er spricht: Die Impulse der improvisierten Musik, so der Grandseigneur der Szene, würden heute aus Holland, Skandinavien und Chicago kommen. Nicht umsonst heißt eine der Formationen Brötzmanns "Chicago Tentet". In der drittgrößten Stadt der USA hat sich in den letzten Jahren eine neue Generation von Free Jazz-Musikern zu einer eindrucksvollen Bewegung zusammengefunden, und einer ihrer exponiertesten Vertreter ist Ken Vandermark. Vandermark, 1964 geboren, vielfach gewürdigt und ausgezeichnet, hat seine Wurzeln sowohl in der freien Musik europäischer Prägung als auch im BeBop, im Funk und gar in der Rockmusik. Es ist dies wohl der frappierendste Unterschied zu der langsam ins Rentenalter kommenden Gründergeneration der improvisierenden Szene: Die zuweilen zur Dogmatik erstarrte freie Radikalität wird bei den jüngeren Musikern eher in eine offene Stil-Melange umgewandelt. Es dürfen auch wieder feste Formen, durchkomponierte Stücke gespielt werden, man zitiert ganz bewusst traditionelle Muster und muss nicht sofort jeden Ansatz von Harmonie brachial zerstören.
In diesem Sinne war das Konzert des Free Music Ensembles im club w 71 aufregend, abwechslungsreich, rasant, verspielt, aufbrausend, wild, spontan, sanft, ausgelassen, strukturiert und entfesselt zugleich. Das Trio um Ken Vandermark wilderte in den Soundarchiven des Funk, ließ Post-Bop mit fast schon Balladeskem kollidieren, schaffte es, ausgefeilte Kompositionen in freie Improvisationsstrecken auslaufen zu lassen. Mit anderen Worten: Hier waren tatsächlich vitale Impulse zu hören - was freilich nur möglich ist, wenn drei brillante Musiker mit ähnlichen Vorstellungen und auch einer ähnlich wilden Musik-Sozialisation aufeinander treffen.
Das Free Music Ensemble besteht neben Vandermark aus dem norwegischen Schlagzeuger Paal Nilssen-Love und dem aus Boston stammenden Bassisten Nate McBride. Letzterer war im vergangenen Jahr als Teil von Spaceways Inc. zusammen mit Vandermark zu Gast im club gewesen, für den 29-jährigen Paal Nilssen-Love war das Weikersheimer Gastspiel hingegen eine Premiere. Und was für eine Premiere das war: Das energiereiche und gleichwohl einfühlsame Spiel des Free Jazz-Wunderkinds begeisterte ebenso wie Vandermarks druckvolle Saxophon-Suaden und McBrides filigrane Bassläufe. Allen drei Musikern gelingt es, sich über zwei Stunden hinweg gegenseitig immer weiter auf ideen- und temporeiche Weise anzutreiben.
"Ein Barkeeper in Gera hat letzte Nacht versucht, uns mit diversen Schnäpsen zu töten", meinte Vandermark mit einem äußerst ansteckenden Lächeln. Man solle die etwas labile Konstitution der Musiker deshalb entschuldigen. Vielleicht hat der Barkeeper dem Publikum im club aber, ohne es zu ahnen, ein eindrucksvolles Konzerterlebnis beschert: Die Kraft, die in den Stücken gebündelt schien, verdankte sich vermutlich nicht zuletzt einem Zustand des Übermüdetseins. Wer lange nicht geschlafen hat, ist besonders gereizt und aufnahmebereit und unter Spannung. Das merkte und hörte man den Musikern an, die nach ihrem Auftritt zufrieden an der Bar des club w 71 Platz nahmen ...

(c) Fränkische Nachrichten - 19.05.2004

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