KONZERT / Han Bennink und Peter Brötzmann im club w 71

Ein Duo mit Vergangenheit: Der Schlagzeuger Han Bennink und der Saxofonist Peter Brötzmann gastierten am Samstag im club w 71. Beide haben die Geschichte des europäischen Free Jazz mitgeprägt. Seit fast 40 Jahren spielen sie zusammen.
ULRICH RÜDENAUER
WEIKERSHEIM. „Durchhalten, durchhalten, an das glauben, was man tut.“ Was Peter Brötzmann kürzlich in einem Interview solcherart formuliert hat, stellte er nun im club w 71 auf der Bühne unter Beweis: Mit musikalischen Durchhalte-Phrasen hat das, was Brötzmann an den Saxofonen und Han Bennink am Schlagzeug dem Publikum an diesem verschneiten Winterabend entgegenschleudern, allerdings wenig zu tun. Eher geht es um ein Durchhalten der ursprünglichen Energie: Die beiden fackeln nicht lange, scheren sich nicht um ein Vorspiel oder retardierende Momenten, sondern stürmen gleich ungestüm mit ihrem ersten Stück durch eine imaginäre Wand, hämmern den Zuhörern auch noch die letzte vorweihnachtliche Sentimentalität aus dem Hirn und brüllen einem mit ihrem voluminösen Blitzstart entgegen: „Durchhalten, durchhalten!“
Dass man Peter Brötzmann einmal mit dem Prädikat „teutonisch“ versehen hat, mag angesichts der Brachialität seines Spiels kaum überraschen. In seinem Schaffen gibt es gleichwohl auch differenziertere Herangehensweisen, leisere, fast balladenhafte Töne. An diesem Abend aber dominiert der kraftmeierische Brötzmann, der 1968 mit der Platte „Machine Gun“ die Messlatte für Lautstärke, Intensität und Destruktion sehr hoch legte: ein Berserker am Saxofon, ein wild gewordener Bilderstürmer (ursprünglich war er tatsächlich Maler), ein Klangzertrümmerer. Han Bennink steht ihm da in nicht viel nach. Aber selbst in den rigorosesten, wuchtigsten Passagen hat das etwas Filigranes. Um dieser Kollaboration zu lauschen, haben sich manche sogar von Schnee und Eis nicht abhalten lassen und sind aus Frankfurt oder Heidelberg angereist.
Der Niederländer Bennink und der Wuppertaler Brötzmann kennen sich seit vielen Jahren. Ende der Sechziger haben sie im Trio zusammen mit Fred van Hove daran mitgewirkt, dass so etwas wie europäischer Free Jazz eine kurzzeitig heftige Blüte erfahren konnte. Vierzig Jahre später zählen sie noch immer zu den ganz Großen der Szene. Der Multiinstrumentalist Bennink galt dabei immer ein wenig als Clown, und wenn er im club auf der Sohle seiner Schuhe trommelt, mit verschieden gemusterten Stirnbändern auftritt und mit einer Trillerpfeife arbeitet, dann wird er diesem Ruf wenigstens ein klein wenig gerecht. Ansonsten aber geht es bei dieser Musik doch eher darum, keinem Ruf zu entsprechen. Nach vier Jahrzehnten ist das gar nicht so einfach. Statt Erweiterung wäre deshalb eher von Tiefe zu reden: Die Grenzen sind schon so ausgedehnt, dass es sich nur noch um größere Intensität drehen kann, um genaueres Abtasten der eigenen Möglichkeiten und der des Zusammenspiels. Dass es sehr tief gehen kann, beweist das Duo an genau diesem Abend, in genau diesem Moment, etwa wenn Brötzmann am Ende ein simples Motiv fast zart durchführt und Bennink darauf antwortet, es zerbricht und wieder rhythmisch zusammensetzt.
„When you hear music, after it’s over – it’s gone, into the air“ – wenn die Musik einmal vorbei ist, verschwindet sie gänzlich im Raum. Das gilt für jede Form von Musik, ganz besonders aber offensichtlich für die frei improvisierte. Der legendäre Saxofonist Eric Dolphy sagt diesen Satz am Ende des Live-Mitschnitts seines letzten Konzerts in Berlin 1964, aufgenommen kurz vor seinem Tod. Am Schlagzeug damals: Han Bennink. Der Auftritt von Bennink und Brötzmann im club w 71 am Samstag war in diesem Sinne einmalig und unwiederbringlich – „it’s gone, into the air“. Schade für jeden, der ihn verpasst hat.