Zwischen Liebkosung und Zumutung

Faszinierender Free Jazz mit dem Trio John Butcher,
Wilbert de Joode und Martin Blume


Weikersheim. Eine Premiere im club w 71 in
Weikersheim. Die Jazz-Musiker Martin Blume, Wilbert de
Joode und John Butcher standen am vergangenen Freitag
zum ersten Mal gemeinsam auf einer Bühne - und fanden
gleich zueinander.

Was macht das Wesen eines Musikinstruments aus? Hat es
eine Seele? Ein Eigenleben? Was kann man mit einem
Instrument alles anfangen, ohne dass es zu Bruch geht,
und wie weit lässt sich die Sprache etwa eines
Saxophons erweitern, ohne dass sich dessen Charakter
auflöst, musikalische Sprachlosigkeit entsteht? Was,
müsste obendrein gefragt werden, darf man einem
gewöhnlichen Schlagzeug zumuten, und wo hört beim
Spiel mit dem schön geformten Körper des Kontrabasses
die Liebkosung auf, wo fangen Zumutung und
Zudringlichkeit an?

Das sind keine Fragen, die sich einem leichtfertig
stellen, sondern meistens bei Free Jazz-Konzerten im
club w 71 in einer gewissen Zwangsläufigkeit
aufgeworfen werden. In der großartigen und deshalb
hoffentlich niemals endenden club-Reihe mit Freier
Musik waren am vergangenen Freitag der deutsche
Schlagzeuger Martin Blume, der niederländische Bassist
Wilbert de Joode und der englische Saxophonist John
Butcher zu Gast. Die drei Musiker wirken allesamt in
den verschiedensten Formationen der frei
improvisierenden Szene, gehören zu gefragten
Vertretern des Genres, und zum ersten Mal standen sie
nun gemeinsam auf einer Bühne: Zu Anfang vermeinte man
dort noch Solitäre auszumachen, in sich versunkene,
hoch konzentrierte Musiker mit geschlossenen Augen.
Aber in kürzester Zeit traten sie in einen immer
forcierteren, expressiven Dialog, in dem per
Instrument Fragen und Antworten lauthals hin- und
hergeschickt wurden. Das spielte nah am Ekstatischen,
und man spürte eine stark gebündelte Kraft in diesen
unmittelbar entstehenden, zerstörerischen und
gleichwohl schönen Stücken: Die Musiker warfen im
Scheinwerferlicht Schatten, und teilweise schienen
nicht drei, sondern sechs Protagonisten zu agieren und
den Intensitätsgrad immens zu steigern.

Man hatte gerade bei den ersten beiden längeren und
sehr kompakten Stücken den Eindruck, als kennten sich
Blume, de Joode und Butcher schon seit Ewigkeiten: Die
Dramaturgie stimmte, aufgeladen, aufgewühlt und
spannungsreich bewegten sie sich gleich auf ein hohes
Aufgeregtheitslevel, das im zweiten Teil des Abends
dann wieder zugunsten größerer Zurückgenommenheit
gesenkt wurde.

Die durchaus immer spürbare Distanz der drei
improvisierenden Akteure entpuppte sich als die
Wegstrecke, die auf der Suche nach einer gemeinsamen
Sprache zurückgelegt werden muss. Das Verstehen
ereignet sich an der Schwelle zum Missverstehen. Das
Gemeinsame muss immer wieder im Disharmonischen
angezweifelt werden, um neue Klangkonstellationen zu
schaffen - in den abstrakten Räumen, die sich beim
Verlassen tonaler Systeme und konventioneller Muster
auftun, entsteht das Andere, das Faszinierende, das
Öffnende dieser freien Musik. Das beinhaltet zugleich
die unkanonische Umgangsweise mit den Klangkörpern:
Wilbert de Joode streicht mit dem Bogen über die
Naturdarmsaiten seines Basses, spannt diese fast bis
zum Reißen an, schlägt mit ungeheurer Wucht auf sie
ein, trommelt auf dem gesamten Korpus, und selbst den
Dorn, das Standbein des Basses, nutzt er zur Erzeugung
von Geräuschen. Die Instrumente sind Erweiterungen des
eigenen Körpers. Es gibt keine Begrenzungen mehr: Das
hat zugleich mit Liebkosung und Zumutung zu tun.
Ulrich Rüdenauer