erste Besprechung:

[AUTOR]MICHAEL SCHWARZ

"Yoshihide Quartet" im club w 71
Selten so gerne zugehört
Instrumenten-Grenzen verwischen
Da lernt man beim Hören das Staunen. Eines der bemerkenswertesten Projekte mit neuer improvisierter Musik war am Sonntag im club w 71 zu hören: das "Otomo Yoshihide Quartet". Jazzpreisträger Axel Dörner ist dabei - und verschmilzt seine Trompete im Sound-All.
Der Free Jazz nimmt sich ja gerne selbst auf die Schippe. Aber Monk-Spezialist Axel Dörner meint es ernst, wenn seine Trompete so ganz und überhaupt nicht mehr wie eine Trompete klingen soll. Sein Instrument dient vornehmlich dem Erzeugen von Schallwellen. Mit Fingern, Mund und etwas Elektronik werden diese Wellen moduliert, verändert. Hm. Er macht also irgendwie doch das, was jeder Trompeter macht.
Doch hier, im Halbdunkel des club w 71, wird Musik auf eine andere Ebene transformiert. Man kann nur Krücken bemühen, um zu beschreiben, was dort - am Ende einer Europatournee des Quartetts - passiert ist: Eine Art Ambient-Musik, Geräusch, Sound, verschachtelt und verschichtet, präsent und spannend, bis hin zum letzten Sinuston. Selbst ein Antiinstrument des Jazz, das Keyboard, kommt zum Einsatz. Als kleine Black Box allerdings, aus der es fiept und schnappt, minutenlang Fledermaus verscheuchend.
Das ist aber nicht der Klang der Big City oder die Atmosphäre großer Industriehallen, die von Noise-Künstlern des Elektronik-Zeitalters schon oft beschworen wurde. Der Zuhörer hat eher das Gefühl, dass hier nach der Musik gesucht wird. Dies freilich nicht mit dem Griff in Artistik und Virtuosität (zu der wiederum alle Instrumentalisten fähig wären - Dörner hat das schon zigfach bewiesen). Da wird alles zurückgefahren: selbst das Schlagzeug dient nicht mehr der Erzeugung von konventionellem Rhythmus. Es schafft Soundlandschaft.
Pure Spielerei ist das aber ebenfalls nicht. Und wo bei anderen Musikern das in die Gitarrensaiten gebohrte Messer eine gehörige Portion Show und Attitüde wäre, ist es bei Otomo Yoshihide eben ein Messer, mit dem er einen bestimmten Sound erzeugen kann.
Auf der Suche nach der Musik. O.k. - aber warum nicht mit Didgeridoo und Schamanen-Trommel? Weil es unterschiedliche Sprachen gibt und das Yoshihide Quartet eine/ihre gemeinsame Sprache gefunden hat. Der Band-Namensgeber spricht hier leise (mit John Zorn z.B. dürfte er eher laut gewesen sein) und entwirft Hör-Reisen aus Knacksen, kleinen Kreischern und ich weiß nicht was auf seinen Plattenspielern. Klar: der wird als Instrument ge- und benutzt - nicht eben ungewöhnlich heutzutage einerseits, doch die Turntables werden trotzdem und auch verständlicher Weise eher als Reproduktions-Geräte empfunden. So wie im Gegenzug die Trompete ein Ur-Instrument des Natur-Klangs ist.
Grenzen verwischen, aber nicht die Musik. Die scheint greifbar in der zwei Vierzig-Minuten-Sets, die das Quartett spielt. Achtzig Minuten, von denen nicht eine einzige langweilig ist. Es gibt auch was zu sehen: Geldstücke, merkwürdige Röhrchen, Klopümpel und messingne Metallscheiben. Doch das Schauen (welches Instrument macht welchen Ton?) ist nicht der Punkt. Je mehr diese Metamorphosen-Musik auf die Schluss-Pause zustrebt, desto unsichtbarer und spannender wird sie. Der Hörer saugt auch noch den kleinsten Ton auf in diesem grandiosen Audio-Workshop. Selten so gerne zugehört.

zweite Besprechung:

AUTOR: RIGOBERT DITTMANN

DER DISKRETE CHARME DER LEISEN TÖNE


Wenn Club W 71 drauf steht, ist garantiert etwas Besonderes darin. Diesmal bestätigten die Weikersheimer ihren überregionalen Ruf, indem sie am 4.2.2007 das einzige Deutschlandkonzert eines Quartetts möglich machten, das dem treuen Kreis abenteuerlustiger Zuhörer viel versprach, wenn auch kaum jemand genau wusste, was. Der österreichische Schlagzeuger MARTIN BRANDLMAYR durchgroovt mit Projekten wie Radian und Trapist das weite Feld zwischen „Postrock“ und geschmeidiger Improvisation. AXEL DÖRNER bläst seine Trompete bei Die Enttäuschung, The Electrics oder – wie schon im KULT Niederstetten zu hören - der Territory Band, er kann aber auch ganz anders. SACHIKO M vertritt als Sinuswellenreiterin konsequent die japanische Spielart von „Geräuschmusik“. Und OTOMO YOSHIHIDE schließlich, der mit Plattenspielern und Gitarre nach Ground Zero nun sein New Jazz Quintet anführt, gilt weltweit als einer der kreativsten und vielseitigsten Köpfe des New Jazz und der elektrifizierten Improvisation. Doch zusammen?

Das Quartett hatte sich 2005 speziell für die Donaueschinger Musiktage formiert. Seine Klangkreation ist also gütegesiegelt als Musica Nova und hochprozentiges Betthupferl für SWR2-Radiotrinker in der Stunde vor Mitternacht. Der Gedanke, dieser Musik am besten im Dunkeln zu lauschen, so dass die feinen Geräusche hinter geschlossenen Lidern aufblühen wie Farbtropfen in einem Wasserglas, stellte sich an diesem Abend immer wieder ein. Mit Farbschlieren wie Dörners Slidetrompetenfauchen, das er mit allerhand Dämpfern und auch noch elektronisch moduliert; wie das stechende Fiepen und Brummen, das die zierliche Sachiko M, auf drei aufeinander gestapelten Stühlen (!) thronend, mit unbewegter Miene ihrem Sampler entlockt; wie das Knistern und Knacken der Tonabnehmer, mit denen Yoshihide hantiert, wobei er keine (!) Schallplatten scratcht, sondern nur mit dem Knacksen und Knurschen der Turntables selber operiert. Dazu tupft und schabt Brandlmayr mit Besen und Klöppeln vorsichtig auf seinen Fellen, lässt die Cymbals klacken und sirren, streichelt mit dem Geigenbogen feine Vibrationen aus Metallscheiben. Oft verblüffend Ton in Ton mit den elektronischen Frequenzbändern der andern drei. Man muss es gesehen haben, um es zu glauben.

Denn natürlich ist man viel zu neugierig, um die Augen zu schließen. Dazu sind die sachten Manipulationen auf der W 71-Bühne viel zu spannend, der Ohrenkitzel zu eigenartig. Denn was ist das überhaupt, was da so finger-, lippen-, zehenspitz zelebriert wird? Ist da Andacht angesagt oder hintersinniger Humor? Öffnet sich hier ein klingender Zengarten ähnlich John Cages „Ryoanji“, um darin zu tagträumen? Wird da ein Lob der haarfeinen Unterschiede angestimmt, oder der Geräuschvielfalt gehuldigt? Rhythmus und Melodie spielen in dieser transparent gewebten dröhnminimalistischen Landschaft die geringste Rolle, sie driften allenfalls mal kurz als Schatten eines Schattens durchs ‚Bild’. Das, anders als die herkömmliche, spöttisch aber plastisch „Plinkplonk“ getaufte Freie Improvisation, definitiv keinem Jackson Pollock ähnelt. Hier wird nicht vehement gespritzt, vielmehr werden sublime, oft monochrome Tönungen belichtet und abgeschattet. Versetzen einen die „Plinkplonker“ gern auf einen Schrottplatz während eines Hagelsturms, so betten einen diese Klanglandschaftsmaler vor das Farbenspiel abendrot beleuchteter Wolkenbänke. Nur sanfter Lufthauch streift die Stirn, hinter der ein Mobile schwerelos balanciert, während der Goldrand am Horizont der Imagination die Farbe des Rotweins annimmt, der so manches Glas im W 71 füllt.

Zwei Sets wurden gespielt, um dazwischen die Gläser wieder nachfüllen und das Faszinosum der ersten Halbzeit begackern zu können. Wie Dörner an seiner Trompete öfters zu saugen als zu blasen schien, wie er nicht ins Mundstück, sondern direkt ins Mikrophon pustete, wie er mit dem Dämpfer nur über den Trompetentrichter schabte. Wie Yoshihide Münzen um den Plattentellerrand kreiseln oder wie er die Gitarre ins Spiel brachte, indem er ein Küchenmesser zwischen den Saiten schnarren ließ. Wie die Vier jeder Anmutung bierernster Kunstfrömmelei gegensteuerten durch die Selbstverständlichkeit ihres konzentrierten, achtsamen Spiels. Hier schien er zum Greifen, auch zum Begreifen nah – der Zauber des Simplen, der der entzauberten Welt abhanden gekommen ist. Das merklich bezauberte W 71-Publikum spielte perfekt mit, ließ mal die Türe seufzen oder ein leises Schnarchen hörbar werden, hielt aber hauptsächlich so einverständig die Luft an, dass man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Auf der Heimfahrt nach Würzburg gab es zwar vier Meinungen, aber keinen, bei dem der diskrete Charme des Gehörten nicht an Stellen vorgedrungen wäre, an denen schon lange kein Staub mehr gewischt worden war.