The Tradition Trio im club w 71 (15.9.04)– Konzertbericht

Weikersheim. Seit Gründung des club w 71 im Jahr 1971 können Interessierte die Entwicklung einer Musik beobachten, die in den 60er Jahren gegen festgefahrene Strukturen im Jazz revoltiert hat: Free Jazz. Noch länger als der club w 71 ist Alan Silva dabei, der mit nahezu allen Musikpionieren dieser Zeit aufgetreten war. Er war einer der schwarzen Amerikaner, die radikal mit der Vergangenheit aufräumten, um sich und ihren Ideen Platz zu verschaffen. Sein Instrument war der Bass. Erst durch diese Revolte wurde der Bass zum gleichberechtigten Instrument, nicht nur zum strukturierenden Hintergrund. Wenn man so lange dabei ist, kann man schon mal auf die Idee kommen, eine Platte „In the Tradition“ zu nennen, ein Titel, der seinem Trio – neben Alan Silva Posaunist Johannes Bauer und Percussionist Roger Turner – den Namen geben sollte: The Tradition Trio. Wie lebendig diese Tradition ist, konnte beim Gastspiel dieses Trios im club w 71 am vergangenen Wochenende einmal mehr festgestellt werden.

Seit Anfang der 90er Jahre arbeiten die Musiker des Tradition Trio zusammen. Unter Improvisatoren ihres Ranges führt diese Kontinuität zu einem tiefen gegenseitigen Verständnis der Schaffensweise der Mitspieler. Immer wieder überrascht, mit welch physischer Kraft die Musiker agieren. Johannes Bauer trötet wie ein Elefant auf seiner Posaune. Wenn er sich mit feierlichem Ernst Stufe um Stufe emporwindet, meint man sein langjähriges Spiel in Posaunenchören herauszuhören. Dazwischen können wir beobachten, wie selbstverständlich Johannes Bauer die Klaviatur der erweiterten Ausdrucksmittel einer Posaune bedient: Zischlaute, mehrstimmiges Spiel, Überblastechniken, Grummeln, Übergang zum Gesang.... Dabei ist sein Körper ständig in Bewegung, vermittelt optisch die Akzente und Haltepunkte in dem Geschiebe der Musik.
Ist schon Johannes Bauers Posaune von Kraft beseelt, wirkt Roger Turners Schlagzeugspiel wie ein Naturereignis. Sein Schlagzeug teilt die Zeit nicht in gleichmäßige Metren ein. Es kommt polternd über uns, unregelmäßig rollend – wie kräftige Wogen, die sich an Felsen brechen, donnernd zerschellen, in sich zusammenfallen, während die Gischt zerstiebt. Wie die Chaos-Theorie gezeigt hat, besitzen auch komplexe Klangwellen von Lauten, die Zerberstendes begleiten, eine sich gleichende Struktur – und mit diesen rhythmischen Mustern arbeitet Roger Turner. Dass er zu der Elite der Schlagwerker Europas gezählt wird, dürfte nach diesem Auftritt niemand mehr anzweifeln.
Diesem Ausbund an Kraft trotzt der dritte im Bund nicht mehr mit dem Kontrabass. Alan Silva ist auf einen Synthesizer umgestiegen. Als Keyboard-Spieler ist er eine große Ausnahme im Free Jazz. Der einzige nennenswerte Vorgänger Alan Silvas war Sun Ra, ein Außenseiter in jeder Beziehung. Sun Ra war nicht von dieser Welt, er gab vor vom Saturn zu stammen... Alan Silva, der in den 60ern mit dem legendären Sun Ra gearbeitet hat, ist ein ähnlich unkonventioneller Geist. Es gelang ihm das Instrument so einzusetzen, dass es der Kommunikation mit den analogen Instrumenten seiner Mitmusiker fähig war. Die Freude, die es diesem altgedienten Musiker bereitete, seine Mitspieler mit Einwürfen, Akzenten und neuen Sounds zu überraschen, war ihm ins Gesicht geschrieben.
Bei dem Konzert des Tradition Trios im club w 71 konnten die Besucher einmal mehr erleben, was kein Live-Mitschnitt vermitteln kann: wie ein Konzert von der visuellen Kommunikation der Musiker untereinander lebt, wie das Geschehen von körperlicher, mimischer und gestischer Aktion begleitet wird. Nur das Konzert bietet diese Übersetzungshilfe. Die beim bloßen Hören abstrakt wirkende Musik wird dadurch sinnlich. nb

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