Bericht zum Konzert der Nu Band aus New York (22.1.05 im club w 71)

Weikersheim. Samstag abend im club w 71: Die Bühne und der abschließende Vorhang ist in buntes Licht getaucht, die stummen Instrumente und ein erwartungsfrohes Publikum harren der Dinge, die kommen. Die Musiker an diesem Abend sind aus New York, albern herum, sprechen am Bühnenrand mit Gästen, genießen die intime, beinahe familiäre Atmosphäre im sich stetig füllenden Club.
Etwas ist anders als bei den meisten Club-Konzerten: ein paar Notenständer haben sich auf die Bühne verirrt. Und noch etwas ist anders: Jazzgruppen werden nach dem Gründer der Band genannt. Bei dieser Band ist das anders: keiner soll im Vordergrund stehen, die Musik der NuBand ist eine kollektive Angelegenheit. Die Bühnen-Aufstellung jedoch betonte wiederum jedes einzelne Individuum, denn ohne Frage: es sind vier ausgesprochene Individualisten, die zusammen die Nu Band ausmachen. Am äußeren Rand der schwarze Trompeter Roy Campbell jr., in buntem Hemd, immer wieder mal zu Lockerungsübungen ansetzend. Vor dem Konzert hat er sich einen Artikel aus Jazzthing, einem deutschen Jazz-Magazin, übersetzen lassen. Da stand nicht weniger zu lesen, als dass nach dem Tod von Lester Bowie die Frage nach dem bedeutendsten Trompeter der Gegenwart diskutiert wird. Neben Dave Douglas gilt jetzt er, Roy Campbell als die wichtigste Trompetenstimme im aktuellen Jazz. Die meisten Konzertbesuchern dürften diesen Artikel nicht gekannt haben, aber was für ein Meister da agierte, das blieb keinem verborgen. Sinn für Farben – er benutzte neben der Trompete auch das Flügelhorn und die pocket-trumpet, diverse Dämpfer - Rhythmik, Melodik und Sinn für Dramatisierung besitzt er im Übermaß.
Einen wunderbaren Sound hat auch Mark Whitecage, die grauen langen Haare zusammen gebunden, am Saxophon und Klarinette. Mal poetisch, voller Zärtlichkeit, mal zupackend, leidenschaftlich, aber immer voller Wärme und voller Emotionen war seine Stimme. Auch er ein meisterhafter Improvisator, der keine Probleme hat, von der freien Improvisation in eine vorgegebene Thematik zu münden. Ein alter Hase, der unter Kennern Kultstatus besitzt, aber mit seiner Musik doch nur ein begrenztes Publikum erreicht.
Neben dem zurückhaltenden, introvertierten, beinah scheu wirkenden Whitecage, gab Bassist Joe Fonda den Gegenpart, bezeichnete sich selbst als Großmaul der Gruppe, und agierte mit viel Mimik zu seinem treibenden Läufen auf dem Bass. Im Stil der Scatsänger begleitete er sich selbst, eine Ein-Mann-Groove-Maschine, die vor keiner Theatralik zurückschreckte, wenn sich nur der Spaß überträgt. Und das tat er.
Am anderen Ende der Bühne Schlagzeuger Lou Grassi, mit in die Ferne gerichtetem Blick, aufrechter, unbewegt-stoischer Haltung nur aus den Ellbogen und Handgelenken heraus rollende Wellen erzeugend. Wie kann jemand so unbeteiligt wirken, und dabei so präsent sein in seiner Kunst?
Während viele Free Jazzer im club w 71 mit einer zuweilen bohrenden, an die Grenzen gehenden Intensität spielen, gestalteten die vier Amerikaner ihre Musik lockerer. Spaß, Lachen – verbunden mit verbalen Statements, die uns Europäern klarmachen wollen, dass nicht alle Amis die Politik ihres Präsidenten toll finden. Die Art, wie sich in ihrer Musik einzelne Stimmen in den Vordergrund schoben, sie kollektiv mit- und nebeneinander her sangen, quatschten, stritten, das erinnerte an die Art musikalischer Gespräche, wie sie Charles Mingus in den Jazz einbrachte, ein Vorbereiter des freien Jazz. Wie die Nu Band die kollektive Improvisation mit thematischem Material mischte, mit suitenhaften Anlagen die Thema-Improvisation-Thema-Langweile aushebelte, dabei jeder einzelne auf die Beherrschung der Sprachen der Jazzstile zurückgreifen konnte, und gemeinsam ohne jede Überambitioniertheit ein Reichtum an Rhythmen, Sounds, Floskeln präsentiert wurde, das überzeugte und begeisterte die Besucher. „Jazz ist nicht tot, er riecht nur etwas komisch“ – Zappas geflügeltes Wort mag für den akademischen Jazz gelten, der sich um „offizielle Changes“ und ähnlich Buchhalterisches kümmert, nicht für diesen hier. Und während bei manchen anderen Konzerten im club w 71 der Begriff Jazz eher mangels besserer Alternativen benutzt wird: hier war er ganz angebracht. Und dieser Jazz roch nicht komisch, sondern schmeckte nach mehr!
nb