mit freundlicher Genehmigung der Autorin Inge Braune sowie der Fränkischen Nachrichten:

Club w71: Plädoyer für kritischen Journalismus und kritische Nutzer
taz-Journalistin Bettina Gaus stellte Buch „Frontberichte“ vor
Medien-Macht und Ohnmacht: Instrumentalisierung läuft perfekt

Weikersheim Nicht gerade einfach ist es, wenn Journalisten über Journalisten berichten, die schriftlich über den Beruf sinnieren. Wir sind Partei, auch im Lokalen. Das sei vorangeschickt. Bettina Gaus, taz-Journalistin, von 1989 bis 1996 Afrika-Korrespondentin, streitbar im ARD-Presseclub wie in ihren Berichten, ist Kriegsberichterstatterin. Auch. Und kritisch eingestellt dem eigenen Medium gegenüber, das sie als durchaus instrumentalisierbar erlebt.
Im Campus-Band „Frontberichte – Die Macht der Medien in Zeiten des Krieges“ setzt sie sich mit Macht und Ohnmacht der Medien auseinander. Ihre kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Medien bei der Verharmlosung des Krieges veranlasste den Club W 71, der sich immer wieder intensiv mit dem Thema Krieg auseinander setzte, Bettina Gaus einzuladen.
Drei Elemente stellte die Journalistin am Freitag Abend ins Zentrum der Diskussion: die Medien als Instrument politischer Akteure, die durchaus ihren Beitrag leisten auch zur Vorbereitung militärischer Konflikte; die Frage nach den Möglichkeiten, auch – oder gerade - als „embedded journalist“ der Wahrheit nahe zu kommen; die Problematik, den Opfern nachhaltig eine Stimme zu verleihen.
Kriege, sagt Bettina Gaus, haben Unterhaltungswert – auch in den Nachrichten. Aus Kriegsgebieten kommen Bilder, die Quote machen, besonders in der Fernsehberichterstattung. Sie formen Meinung. Da ist er ihr ein Ärgernis, wenn einerseits Unernst im Umgang mit den Themen, andererseits „hoher moralischer Kammerton“ in der Moderation Beschaffung und Weitergabe der Information prägen. Wenn Gefahren thematisiert werden, die so eigentlich noch gar nicht vorhanden sind, fördert das die Möglichkeiten, gegen diese Gefahren vorzugehen. Mit Medienbildern wurden die ersten „humanitären Einsätze“ der Bundeswehr vorbereitet – nicht, weil die Journalisten in Somalia schlecht recherchierten, sondern weil sie ihr eigenes Weltbild an den vermeintlichen Krisenort mitnehmen. In der Konfrontation mit dem gänzlich anderen Erfahrungshorizont etwa in Afrika ist realistischer Maßstab besonders für frisch eingeflogene Berichterstatter kaum zu finden. So bereiteten Journalisten mit der Berichterstattung über nach europäischen Maßstäben katastrophalen Zuständen in einem Hospital die öffentliche Meinung auf „humanitäre“ Auslandseinsätze der Bundeswehr vor, suggerierte dringenden Handlungsbedarf, obwohl das Internationale Rote Kreuz andernorts wesentlich höheren Handlungsbedarf sah und dort aktiv eingriff.
Journalisten werden als Partei wahrgenommen – und sind es, wo sie sich instrumentalisieren lassen. Wo sich die veröffentlichte Meinung auf eine Auslegung geeinigt hat, sei Gegenrede kaum noch publizierbar. Nachdem sich die Öffentliche Meinung darauf geeinigt hatte, dass der Kosovo-Einsatz aus humanitären Gründen zwingend sei, wurden Hinweise, dass der „Hufeisenplan“ zur systematischen Vertreibung der Kosovo-Albaner durch die Serben nicht gab, schlicht nicht mehr beachtet. Die Gestaltung der öffentlichen Meinung, ohne die Demokratien nicht auskommen, hatte funktioniert. Der „folgenschwere Paradigmenwechsel, der Militärinterventionen generell als humanitäre Einsätze verharmlost,“ hat zwischenzeitlich auch in Deutschland „Auslandseinsätze“ der Bundeswehr fast zur Normalität gemacht.
Gegen das Risiko, dass die journalistischen Meinungsmacher selbst der Meinungsmache aufsitzen, empfiehlt Bettina Gaus Distanz und Gegenrecherche. Und Gründlichkeit. Die wird zunehmend schwerer machbar: wenn zur Kostendämpfung allenthalben Korrespondentennetze ausgedünnt werden, bleibt nur der „Fallschirmjournalismus“, der gestern noch nicht wusste, dass es diese Ecke der Welt überhaupt gibt und heute schon als Spezialist gehandelt wird. Einarbeitungszeiten, die Journalisten eingeräumt werden, werden immer kürzer, kontinuierliche Berichterstattung ist kaum noch machbar, und unter dem Diktat des Echtzeitjournalismus wird Hintergrundberichterstattung zum Problem.
Nicht nur schlecht, sagt Gaus, sei Journalismus auch aus der Position des „eingebetteten Berichterstatters“. Ohne diese Möglichkeit wäre manche Berichterstattung gar nicht möglich – ob auf Einladung etwa aufständischer Einzelgruppen oder auf Einladung eines kriegsführenden Großstaates. Aber: wer mit einer Partei im Krisengebiet unterwegs ist, unterliegt ständig der Gefahr, just dieser Partei mehr Glück zu wünschen, schon um die eigene Haut möglichst sicher durch die Krisengebiete zu retten. Schon die Verbundenheit zu den eigenen Landsleuten, die Vertrautheit mit dem Nutella-Näpfchen auf den Verpflegungstischen der Bundeswehr in Kundus, sorge für emotionale Nähe, die regelrechte Zensur in vielen Fällen überfüssig mache.
Ganz unverhohlen würdigte etwa der ehemalige NATO-Sprecher Shea nach dem Kosovo-Krieg den Erfolg der Formung der öffentlichen Meinung. Gaus: „Früher war man ehrlicher, als die Propaganda noch eindeutig den Akteuren zugeordnet war, als offizieller Teil der Kriegsmaschinerie galt.“ Es gab ihn immer schon, den Einladungsjournalismus, nicht nur, aber auch auf dem Schlachtfeld. Wer einlädt, der verfolgt Interessen. Gaus fordert Journalisten und die Mediennutzer auf, sich dessen bewusst zu bleiben.
Bedrückend erlebt sie, wie die Opfer in der Berichterstattung untergehen: Elend, besonders dauerhaftes Elend, wie es etwa bei lang dauernden medizinischen Behandlungen, nach Katastrophen auftritt, verkauft sich nicht, sagt die Journalistin: es sei zu statisch. Kampfhandlungen gäben einfach mehr her: Bewegung, Spannung. Da macht der Nachrichtenjournalismus seine Punkte, der immer Neues bieten muss. Nicht, dass sie für ständige Betroffenheitsreportagen plädiere, aber auch Gaus hat die Erfahrung gemacht, dass Massaker auch für Journalisten erst da die Grenze des rein Faktischen überspringen, wo persönliche Kontakte dem Massaker ein Gesicht geben. Die Ereignisse so darzustellen, dass sie auch beim Leser, Zuhörer, Zuschauer über die Distanzierungsschwelle springen, gelänge nur selten.
Ein Hauch von Optimismus prägt den Schluss des Lese- und Diskussionsabends: Der Anfangsglaube, dass sich die gordischen Knoten der Konflikte durch militärische Interventionen lösen ließen, weiche inzwischen der Skepsis. Fast 50 Gäste hatten sich im Club eingefunden. Wohler war ihnen nicht nach dem Abend mit Bettina Gaus. Dass sie künftig noch kritischer lesen, hören, sehen, steht zu hoffen.

Info:
Das knapp 200 Seiten starke Buch von Bettina Gaus „Frontberichte – die Macht der Medien in Zeiten des Krieges“ ist im Campus-Verlag erschienen. Preis: 19.90 Euro