AUF DER SEIDENSTRASSE INS IMPROWUNDERLAND
Kritik von Rigobert Dittmann

Der Weikersheimer Club w 71, seit Jahren eine einsame Adresse für die besondere Musik, wurde auch am 5. März wieder zur Pilgerstätte für die Aficionados, die dafür gern auch mal eine Stunde Anfahrtzeit in Kauf nehmen. Anlass gab das einzige Gastspiel des BLAST-Sextetts in der deutschen Kulturdiaspora. BLAST, ein seit 1989 aktives holländisches Projekt des Baritonsaxophonisten und Flötisten Dirk Bruinsma und des E-Gitarristen Frank Crijns, einst ausgerichtet auf einen futuristischen Zickzackjazz, hat sich in der aktuellen Besetzung mit dem Schweizer E-Bassisten Paed Conca und dem italienischen Schlagzeuger Fabrizio Spera in einen Unruheherd zeitgemäßer europäischer Improvisationsformen verwandelt. Im Verbund mit dem Schweizer Bassklarinettisten Hans Koch und der in Istanbul geborenen, seit Jahren aber an die Schweizer Improszene anknüpfenden kasach-türkischen Vokalistin Saadet Türköz konfrontierten sie ihr Publikum an diesem Abend mit einer eurasischen Multikultibizarrerie. Die fünf Instrumentalisten tupften und klöppelten einen diffusen Klangteppich, Bruinsma mit blecherner Dämpfung seines Baritontrichters oder mit elektronisch verhuschten Querflötenwischern, Koch mit überblasenem oder zirkularbeatmetem Genuckel und perkussiven Implosionen, gutturalem Geschmurgel und höchstem Diskant. Conca nutzte seinen Bass wie eine Klangskulptur, bearbeitete ihn wie eine Klaviertastatur, mit Bürsten als Trommelstöcken, von einem Basspuls keine Spur. Genausowenig wie Spera als Taktgeber fungierte. Er sprenkelte den Klangraum mit flirrender Perkussion, dämpfte sein Drumset mit einer Decke, strich ein Glöckchen mit dem Geigenbogen, schürte eine quecksilbrige Unruhe, in die die Gitarre Glissandi einfädelte, Rückkopplungsschlaufen und Riffsprünge von den höchsten in die tiefsten Tonlagen. Und dazu sang Türkös, die übrigens in Holzfällerhemd und Bluejeans jeden Exotenbonus ablehnte, mit dunklem Timbre und starkem Vibrato Songlines, so alt und so lang wie der Weg ihrer Vorfahren von Ostturkistan ans Mittelmeer. Der erste Set webte, langsam und oft nur leise, einen Schleier aus tastenden, fragenden Geräuschen. Ein fremdartiges Ritual ohne Tamtam, ein meditatives Gemurmel, das weniger das Publikum direkt adressierte, als eine Unzahl von Naturgeistern und Klangdämonen namentlich zu beschwören schien. Das war nicht die kommunikative und interaktive Sprache der freien Improvisation, wie man sie zu kennen meint und malte so manches Fragezeichen in die Gesichter der Besucher. Die Ausrufezeichen folgten nach der Pause in einem weit dynamischeren Set, geformt wie eine Halbmondsichel mit expressiven Spitzen an beiden Enden, furiosen Karambolagen, zwischen denen die Instrumentalisten nur dichter und flüssiger ihre polyglotte Geräuschstenographie hinkritzelten. Türkös deklamierte inmitten des effektvoll pointierten Tumultes ganz unbeirrt eine lange Geschichte und untermalte sie mit ‚sprechender‘ Schlangenhand und einer Mimik, in der sich die ganze Theatralik des Fernen Ostens in ihren Fingerspitzen und Augenbrauen bündelte. Als am Ende die Band verstummte, gehörte die letzte Minute allein ihren Scheherazadelippen, an denen man so gebannt hing wie der Sultan aus 1001 Nacht.

rbd

zu Schorles Fotos