Die Bilder sind wie immer von Schorle, links gibts durch draufklicken mehr, der Text kommt von Rigobert Dittmann, dessen Zeitschrift, Bad Alchemy hiermit wärmstens empfohlen ist, vielen Dank an beide.


FUTCH im Club W 71 Weikersheim, 25.März 2006

Futch ist nur eines von vielen Projekten des unermüdlichen Violinisten,
Instrumentenbauers, Festivalkurators, Autors und Hörspielmachers Jon
Rose. Die Vorlieben des 1951 in England geborenen Wahlaustraliers, dem
2004 der renommierte Karl-Sczuka-Preis für Radiokunst des Südwestfunks
zugesprochen wurde, gelten Eigenlogikern wie Karl Valentin oder
Besessenen wie dem australischen Komponisten Percy Grainger, vor allem
aber der radikalisierten Rolle einer ‚Violin Music in the Age of
Shopping‘, wie er eines seiner bedeutendsten Projekte taufte. Percy
Graingers Motto "Jeder Mensch muß ein Thema haben, das ihn zum Wahnsinn
treibt; sich mit weniger zufriedenzugeben, ist verrückt", gilt auch für
Rose, seine Amour fou ist die Geige in jeder Gestalt. Seine Partner in
Futch, Thomas Lehn am Analogsynthesizer und der Posaunist Johannes
Bauer, gehören wie Rose zur Creme de la creme der, weil schel
angesehen, für schräg gehaltenen Kunst, aus dem Stegreif Musik zu
machen. Lehn entwickelte den Synthesizer zu einem hypermobilen
Zauberkasten. Bauer zeigte sich vor allem im Verbund mit seinem Bruder
Conny und schon in den 80ern im Quartett Slawterhouse zusammen mit Rose
als ein launiger und expressiver Vertreter einer Rembremerdengmusik vom
andern Stern. Wenn Rose mit Wohltemperiertheit gegerbten Lederohren
eine Lektion erteilt, fühlt man sich wie an der Kinderuni. Mit nur
wenigen Strichen seines Geigenbogens macht er die Steigerung von
Kammermusik zu Katzenmusik sinnfällig. Jedes Kind erkennt sofort die
Verbesserung. Rose fiedelnd wie Erich Zann, wie Mutter auf LSD, Bauer
tröternd wie ein Elefantenbulle mit Tourettesyndrom und Lehn mit zehn
Fingern seine Knöpfchen zwirbelnd, als ob er fieberhaft eine Bombe
entschärfen wollte, das hat etwas Ansteckendes. Dabei ist Futch ein
unmögliches Fabel- und Schnabeltier, gewolpertingt aus drei musikalisch
ganz unterschiedlichen und zeitlich getrennten Genres. Rose in der
Mitte pickte sitzend kammermusikalische Leckerbissen zwischen Vivaldi
und Lachenmann. Bauer am linken Flügel posaunte mit und ohne allen nur
denkbaren Dämpferfinessen - erstaunlich, wozu ordinäre Joghurtbecher
alles taugen - vorsintflutlichen Jazz aus New Orleans. Als ob ihm die
Musik durch alle Glieder führe, rockte und rollte er, schnaubte und
scattete er und atmete und verkörperte so den inneren Puls der
Futch-Musik, selbst wenn der musikalische Herzrhythmus Bocksprünge
machte wie Rosens Geigenbogen auf den Saiten. Ebenso war Lehn zur
Rechten scheinbar direkt an den Stromkreis seines Synthesizers
angeschlossen, mit dem er ein drittes, das elektronische Zeitalter
verkörpert, wenn auch quasi in seiner noch dampfbetriebenen
Pionierphase. Das, was sein Daniel-Düsentrieb-Schaltkasten auf
spinnenflinken Knopfdruck hin ausspuckte, vom Schluckauf, der
Luftlöcher ins Klanggewebe schnappte, bis zum dramatischen Georgel, das
wirkte wie die Tonspur eines alten Science-Fiction-Films, die mit
unregelmäßig stockender und beschleunigender Bandgeschwindigkeit eiert.
Ein Futch-Konzert ist wie ein Glas, gefüllt mit Romantik, Jazz und
Elektronik, das über Treppenstufen stürzt und zerschellt in unzählige
Splitter. Aber in einer Zeitparadoxie, wie sie nur Stephen Hawkins
erklären könnte, dauert der Sturz zweimal 40 Minuten. Und am Ende ist
das Glas zwar futsch, aber die Musik selbst ist mehr bei sich als
zuvor. Andere mögen das Dekonstruktion nennen, Abbau. Nur dass dabei
nichts kaputt geht. Und dass die Besucher des Club W 71 sich hinterher
lebendiger fühlten als zuvor. Der donnernde Beifall bezeugte es. Futch
bedankte sich mit einem Pizzicato-Da Capo.

rbd