Schöne Bilder vom konzert von Schorle, für noch mehr Bilder immer feste drauf klicken, auf das linke Bild.
Review von Rigobert Dittmann:

NICHTS GEHT ÜBER EINEN SPRECHENDEN FROSCH ?

Am 9.1.1985 hatte ich sie schon einmal bestaunen wollen, den Posaunisten CONNY BAUER und den Schlagzeuger HAN BENNINK, aber der Holländer hatte seinen Auftritt im Würzburger (alten) AKW vergessen und saß zuhause vor dem Fernseher. Die Zuhörer kamen so in den Genuss eines der berühmten Bauer-Soli, eine quasi dreistimmige, zirkularbeatmete Hymne an den Urquell von Rhythmus und Melodie. Jetzt, am 24.11.2007 im W71 in Weikersheim, war endlich mein Nachholtermin, und Bennink war tatsächlich da, und wie. Obwohl er mit seinen 65 Jahren off-stage eher wie eine Mischung aus Monsieur Hulot und einem distinguierten Käsehändler wirkt, mutiert er an seinem Drumset zu einem polymorph-perversen Medium des Rhythmus. Er bringt ein Füllhorn aller nur denkbaren Trommelriffs zum Überschäumen, von Marschrolls über zirzensische Salto-Mortale-Spannung bis zu allen möglichen Shuffles, die Trommler im Lauf der Jahre, ach was, der Jahrhunderte aus den Handgelenken geschüttelt haben. Alles wird Groove, Beat, Timing. Stock, Besen, Besenstil, die Füße hacken auf die Snare, die Stöcke landen auf dem Boden, dann der Trommler selbst. Solche Seniorengymnastik wäre der perfekte Jungbrunnen. Bennink braucht kein Werkzeug, unter seinen Händen wird alles Beat. Die Heizung wird geharft, der Vorhang geschüttelt, ein Tisch knarrend verrückt, die Türe zugeschlagen oder zum Quietschen gebracht. Alles, bei aller Clownerie, als ein Staunen über den Klangreichtum des Zuhandenen und alles durchwegs im Takt. Er donnert oder knuspert im dreifachen Pianissimo, er treibt die Bassdrum über die Bühne und die Pflastersteinbremse gleich mit. Er ist einfach unwiderstehlich, eine Urgewalt, der Homo ludens in Gestalt. Fällt ihm der Drumstick aus der Hand, wirf er den zweiten hinterher, Ausrutscher sind immer nur Anstöße für quicke Wendungen und neue Einfälle. Am schönsten ist der Moment, wenn er einen Vogel als Schattenspiel an der Wand flattern lässt - rhythmisch natürlich! Bauer lässt sich weder durch Blitz und Donner noch durch den theatralischen Humor des holländischen Piraten an seiner Seite aus der Ruhe und dem Spielfluss bringen. Hier ist er mit seiner Posaune einmal nicht der August, sondern der konzentrierte Weißclown, der melodische Fäden bis zum Mond spinnt. Zusammen mit Bennink gelingen verblüffende Punktlandungen im Hier und Da. Nach der Pause zeigt er sein ganzes Können erstmal, ohne dass ihm jemand ans Bein pinkelt. Die Spucke rinnt, das Auge leuchtet, da meint man in der Basslinie sogar den König von Thule seufzen zu hören. Diese Musik ist spontan, aber gleichzeitig wie immer schon dagewesen, Protomelodie, Volksmusik, virtuos binnenrhythmisiert. Bennink schließt sich an mit einem solistischen Kabinettstück und dann vollenden sie diesen unverschämt unterhaltsamen Abend in brüderlicher Zugabenlaune. Zwei Rock‘n‘Roller on the road.

Ach ja, der Frosch. Bennink erzählt den Witz von dem in einen Frosch verzauberten Drummer, der um einen Kuss bittet, um sich rückzuverwandeln. Die dicke Tante, die ihn fand, bremst ihre kussbereite Freundin. Wozu ein weiterer brotloser Schlagzeuger, ein Frosch, der sprechen kann - damit lässt sich Geld verdienen.