Auf das Bild links könnt ihr klicken für noch mehr Bilder vom Bana Kadori Konzert, weiter unten folgt Norberts Besprechung.
Freitag abend gegen 9 Uhr: Eisglatte Straßen. Eine Katastrophe für jeden Veranstalter. Im club w 71 wird geseufzt. Was für ein Pech! Da hat man eine der besten Gruppen Kenias, die ihr erstes Konzert in Europa ausgerechnet in Weikersheim geben – und dann das. Immerhin: Das werden BANA KADORI so schnell nicht vergessen. „Habt ihr schon mal Straßen mit Eis gesehen?“ Sieben irritiert wirkende Augenpaare blicken den Frager aus schwarzen Gesichtern an. „Dann kommt mal mit!“ Kurz später schlittern sie lachend übers Eis. Unglaublich! Eis auf der Straße! Ihre Tournee ist voller Überraschungen. Dabei hat sie gerade erst begonnen.

Am Vortag waren die sieben Männer aus Kenia in Amsterdam gelandet, für die Jahreszeit viel zu leicht bekleidet. Ihre beiden holländischen Tourbegleiter statteten sie für den Winter aus, dann ging es nach Weikersheim. Abends dann ihr erstes Essen an einem europäischen Küchentisch - und Gespräche bis in die Nacht. In Kenia spricht man Englisch, das macht die Verständigung leichter. Am Morgen danach besuchen sie den Schlosspark, und machen die erste - und vielleicht einzige - Schneeballschlacht ihres Lebens. Abends müssen sie von den besorgten Verantwortlichen im club w 71 hören, dass bei diesem Wetter kaum mit Publikum zu rechnen ist. Doch dann strömen die Leute. Und Barack, Joseph, Johanes, George, Philemon, Luke und Khaleb strahlen.
Die ersten luftigen Töne der Gitarren, ein treibender Bass, am Schlagzeug nur die Basstrommel und ein paar hingeworfene, leichte Figuren auf dem HiHat. Der Sänger setzt ein, eine wundervolle „Herz-geh-auf-Stimmme“, der zweite und dritte Sänger kommen hinzu: was für ein Klang! Warm, voll, schmelzend. Der Gruppensound wird dichter, die Musik entfaltet einen Sog. Wie ein großer Fluss, der dich mit auf die Reise nimmt. Ganz ohne Hektik, unaufgeregt. Nie überstürzt oder kraftmeierisch. Immer relaxt und oft geradezu majestätisch. Die Stücke brauchen Zeit, um sich zu entfalten. Und Zeit scheint man in Afrika immer noch zu haben. Unter 10 Minuten geht hier gar nichts.
Dabei sind es zunächst einfache Themen und Rhythmen, aus denen die Songs entwickelt werden. Sologitarre und Rhythmusgruppe bilden eine untrennbare Einheit. Anders als es viele von afrikanischer Musik erwarten, wird hier nicht auf Trommeln herumgewirbelt. Es gibt nur einen Schlagzeuger, der auf der Basstrommel einen geraden Beat spielt, den er nach und nach mit kleinen Figuren auf Snare und HiHat umspielt. Bass und Rhythmusgitarre verstärken den Grundbeat und umspielen in ebenfalls. Der Sologitarrist spielt keinerlei Akkorde, sondern wie so oft in Afrika reine `single-note´-Gitarre. Sein Spiel ist von kurzen melodischen Motiven geprägt, die ständig variiert werden, was Musikethnologen als Rückgriff auf Klang und musikalische Möglichkeiten des Daumenklaviers (verschieden lange Metallzungen auf einem Holzkasten als Resonanzkörper) zurückführen. Ein spezieller Gitarrensound ist BANA KADORI tatsächlich sehr wichtig. Für die Sologitarre brauchen sie einen glänzenden, schimmernden Klang mit viel Hall. Glitzernde, perlend hohe Töne, die mit dem eigenen Hall spielen – und in Verbindung mit dem rhythmischen Fluss der Band sich so überlagern, so verzahnen, dass aus den einfachen Zutaten ein komplexes Ganzes wird, dessen Geheimnis man nicht auf die Spur kommt. Zu dem sich aber umso besser tanzen lässt!
Auf dem vorderen Teil der Tanzfläche fanden sich vornehmlich Frauen ein, darunter einige aus Afrika. Mehrmals enterten sie die Bühne, forderten Sänger und Tänzer Barack zu Höchstleistungen heraus. Eine Frau war aus der Region in Kenia, aus der auch Bana Kadori kamen. Ihre Tänze mit Barack hätten jedem HipHop-Video zur Ehre gereicht. Wie einstudiert wirkten sie, so dass viele im Publikum davon ausgingen, dass sie zur Gruppe gehört. Woher aber kommt diese Übereinstimmung? Haben wir hier alte Luo-Tänze im neuen Gewand gesehen? Afrika ist tatsächlich voller Geheimnisse, aber das ist kein Grund Dinge zu mystifizieren. Der Rhythmus ist keine Sache des Blutes, sondern eine der Kulturgeschichte. Umso wichtiger ist es, sich selbst ein Bild machen zu können, Menschen kennen lernen zu können, Vorurteile über Bord zu werfen. Afrika ist vielgestaltig – so viel dürfte nach einigen Konzerten im club w 71 klar geworden sein. Und das nächste Afrikakonzert wird vermutlich wieder anders sein.
(Norbert Bach)